Meredith hob einen Stapel medizinischer Unterlagen und schlug ihn mit solcher Wucht auf den Marmor-Couchtisch, dass die gestärkten weißen Blätter über die polierte Oberfläche verstreuten. Das schrille Kratzgeräusch fuhr Seraphina bis in die Knochen.
„Lies es“, höhnte Meredith.
Seraphina zwang ihre schweren Beine, sich vorwärtszubewegen. Ihr Blick fiel auf das Papier, und für einen Sekundenbruchteil verschwammen die fetten schwarzen Buchstaben auf dem Krankenhausbriefkopf, bevor sie sich brutal scharf stellten.
„Diagnose: Schwere Ovarialinsuffizienz und Unfruchtbarkeit.“
Ihre Lungen verkrampften sich und sie brachte keinen Atemzug zustande. Die Augen weiteten sich, während sie fassungslos auf die ungeheuerlichen Worte starrte.
„Eine Henne, die keine Eier legen kann“, spuckte Meredith aus, und ihre Lippen verzogen sich zu einem bösartigen Grinsen. „Du bist nutzlos. Für die Astor-Vance- Blutlinie hast du keinerlei Wert. Verschwende nicht länger den Platz als Frau Astor-Vance.“
Seraphina biss sich so fest auf die Unterlippe, dass sie den metallischen Geschmack von Blut auf der Zunge schmeckte. Sie war vollkommen gesund, und dieser Bericht war eine glatte Fälschung!
Am bodentiefen Fenster drehte sich Julian um. Sein maßgeschneiderter anthrazitfarbener Anzug schmiegte sich perfekt an seine breiten Schultern, doch sein scharf gutaussehendes Gesicht war eine Maske aus purem Eis. In seinen tief liegenden Augen fand sich keine Wärme. Sein Blick glitt über ihr blasses Gesicht, und er sah in ihr nicht länger die Frau, mit der er drei Jahre verheiratet war, sondern lediglich eine schlechte Investition, die er abschreiben wollte.
Er trat an den Tisch und schob einen dicken, ledergebundenen Ordner über die Glasplatte, gefolgt von einem schweren Montblanc-Füller, dessen Metall mit einem scharfen Klirren auf dem Glas aufschlug.
„Unterschreib“, befahl Julian, und seine Stimme ließ keinerlei Raum für Widerspruch.
Seraphina starrte auf die fette Überschrift: Scheidungsvereinbarung. Eine unsichtbare Hand griff nach ihrer Brust und presste ihr Herz zusammen, bis es zu platzen drohte. Ihre Augen brannten und füllten sich mit Feuchtigkeit, doch sie versteifte die Knie und weigerte sich, vor ihnen auch nur eine einzige Träne vergießen.
Langsam hob sie den Kopf und blickte direkt in Julians emotionslose Augen. Sie suchte verzweifelt nach einem Funken des Mannes, den sie einst geliebt hatte, nach einem Rest der gemeinsamen Geschichte, doch da war nichts als eine kalte und undurchdringliche Mauer.
„Nimm das Geld und verschwinde“, mischte sich Meredith ein, ihre Stimme schrill, „zieh das nicht in die Länge. Du verdienst es nicht, auch nur eine weitere Sekunde den Titel Frau Astor-Vance zu tragen.“
Seraphina holte tief und keuchend Atem, der Sauerstoff brannte in ihrer Kehle. Sie zwang die Demütigung und die erdrückende Trauer hinunter in ihren Magen, wo sie zu glühender Wut gerannen, wobei ein kaltes Lächeln auf ihrem Gesicht erschien.
Sie griff nach dem schweren Montblanc-Füller.
Meredith grinste selbstgefällig, in dem Glauben, bereits gesiegt zu haben, während Julians Miene immer ausdruckslos blieb.
Doch Seraphina unterschrieb nicht ihren Namen. Stattdessen hob sie die Hand und schlug den Füller mit aller Kraft auf die Unterschriftslinie. Dann brach die goldene Feder und schwarze Tinte spritzte heftig über das makellos weiße Papier, sodass die Scheidungsklauseln großflächig verkleckerten. Sie hob das Kinn und warf Mutter und Sohn einen Blick absoluten Trotzes zu.
Julians dichte Augenbrauen zogen sich zusammen, und der Muskel entlang seiner scharfen Kieferlinie versteifte sich sofort. Das gefiel ihm nicht, denn er hatte Tränen, Bitten oder stille Unterwerfung erwartet. Diese Auflehnung hingegen irritierte ihn.
„Eine dreijährige Ehe ohne Sex“, spottete Seraphina, ihre Stimme ruhig, aber von Gift durchsetzt. „Ich werde gerne gehen, Julian, aber nicht die Schuld für einen gefälschten Unfruchtbarkeitsbericht auf mich nehmen. Ich werde deine schmutzigen Geheimnisse nicht mittragen.“
Meredith schnellte vom Sofa auf, ihr Gesicht nahm eine hässliche lilane Färbung an.
„Du kleine Schlampe!“, schrie sie, stürzte nach vorn und hob die Hand, um Seraphina ins Gesicht zu schlagen.
Doch Seraphinas Reflexe waren schneller. Sie schnellte die Hand aus und packte Merediths Handgelenk mitten in der Bewegung. Ihr Griff war eisern wie ein Schraubstock, und sie stieß den Arm der älteren Frau gewaltsam zurück, während ihre Augen ein gefährlich scharfes Funkeln annahmen, das man bei ihr noch nie gesehen hatte.
Julian überbrückte die Distanz zwischen ihnen mit zwei gewaltigen Schritten. Seine hoch aufragende Gestalt schob sich vor seine Mutter, und er blickte auf Seraphina herab, die Brust geschwollen bei seinem Einatmen. Die physische Einschüchterung, die von ihm ausging, war nahezu erdrückend.
„Wahre deine Grenzen, Seraphina“, warnte er in einem tiefen, gefährlichen Grollen.
Seraphina neigte den Kopf zurück, wich aber keinen einzigen Schritt. Sie begegnete seinem bedrückenden Blick direkt und verzog den Mundwinkel zu einer spöttischen Kurve. Dann machte sie bewusst einen Schritt auf ihn zu, drang in seinen persönlichen Raum ein, und ihr warmer Atem streifte das Revers seines maßgeschneiderten Anzugs. Sie spürte, wie die Muskeln seiner Brust augenblicklich zu Stein wurden.
„Warum der gefälschte Bericht, Julian?“, flüsterte sie so leise, dass nur er sie hören konnte, „versuchst du zu verbergen, dass du keinen hochkriegst? Ist es das, warum mein Bett seit drei Jahren leer bleibt?“
Julians Atem stockte. In den Tiefen seiner Augen entzündete sich ein dunkles Feuer und seine Pupillen weiteten sich. Seine große Hand schnellte vor und packte ihre schmale Taille, die Finger gruben sich so fest in ihr Fleisch, dass sie selbst durch den Stoff ihres Kleides blaue Flecken hinterlassen würden.
Meredith keuchte und stand wie erstarrt hinter ihrem Sohn, den Mund offen, völlig schockiert von der plötzlichen aggressiven Körperberührung zwischen den beiden.
Schmerz schoss durch Seraphinas Taille, doch sie ignorierte ihn. Sie lehnte sich noch einen Bruchteil näher.
„Wagst du es überhaupt, deine Pflicht als Ehemann zu erfüllen?“, provozierte sie und ihre Stimme triefte vor Herausforderung.
Julian stieß ein wütendes Lachen aus, und bevor Seraphina blinzeln konnte, beugte er sich hinunter und hob sie über seine breite Schulter.
„Lass mich runter!“, kreischte sie und schlug auf seinen festen Rücken.
Julian ignorierte sie, drehte sich auf dem Absatz um und schritt mit schweren, zielgerichteten Schritten auf das Hauptschlafzimmer zu.
„Julian! Was machst du?!“, schrie Meredith aus dem Wohnzimmer und rannte ihnen hinterher.
Julian erreichte die Schlafzimmertür, trat ein und schlug die schwere Eichentür direkt vor dem Gesicht seiner Mutter zu. Der laute Knall hallte durch den Raum und schnitt Merediths verzweifelte Schreie ab. Dann ging er zu dem massiven Bett und warf Seraphina hinunter.
Ihr Rücken prallte hart auf die Matratze, die Federn federten heftig, und der Raum schien sich um sie zu drehen, sodass ihr schwindelig und atemlos wurde.
Julian stand über dem Bett, griff nach oben und riss sich die Seidenkrawatte vom Hals, um sie achtlos auf den Boden zu werfen. Er starrte auf sie herab, die Brust hob und senkte sich schwer, und in seinen Augen tobte der rohe ursprüngliche Drang, die Frau zu bezwingen und zu zerstören, die eben noch seine Männlichkeit beleidigt hatte.
Seraphina blickte zu seiner aufragenden Gestalt empor. Ein kurzer Panikblitz durchzuckte sie, wurde jedoch rasch von einer wilden und rücksichtslosen Verzweiflung verschluckt. Sie würde heute Nacht nicht das Opfer sein.
Sie griff hoch, packte den Kragen seines Hemdes und zog ihn zu sich herab. Ihre Lippen prallten aufeinander, aber es war kein Kuss, sondern eine gewaltsame Kollision von Zähnen und Zungen. Das gedämpfte Licht des Schlafzimmers warf lange, unregelmäßige Schatten an die Wände.
Dieser aggressive Zug zerriss den letzten Faden von Julians Kontrolle. Sein rationaler Verstand erlosch völlig. In drei Jahren hatte er sie nie berührt, nicht aus körperlicher Unfähigkeit, sondern aus kalter kalkulierter Verachtung. Er hatte sie stets als unter sich stehend betrachtet, als bloße Schachfigur in einem Unternehmensspiel. Doch ihre spöttischen Worte hatten seine arrogante, undurchdringliche Rüstung durchbohrt und den Kern seiner Männlichkeit bedroht.
Die Luft im Raum schien um zehn Grad zu fallen, als eine dunkle, ursprüngliche Wut seine Adern flutete. Er presste ihre Handgelenke auf die Matratze, sein Griff war unnachgiebig, und eiserne Bänder fixierten ihre zerbrechlichen Knochen, während er sich über sie beugte und ihr mit seinem Schatten jede Fluchtmöglichkeit nahm. Er nahm ihren Mund mit einer strafenden, stürmischen Intensität und verwandelte all seine unterdrückte Wut in rücksichtslose körperliche Forderungen. Jede Bewegung war eine gewaltsame Bekräftigung von Kontrolle, ein brutaler Versuch, die Rebellion in ihren Augen zum Schweigen zu bringen.
Die Nacht vertiefte sich, und die einzigen Geräusche, die in dem weitläufigen Hauptschlafzimmer verblieben, waren schwer keuchende Atemzüge und das Reiben von Haut auf Haut. Eine Ehe, die sauber auf einem Stück Papier hätte enden sollen, geriet nun in einen dunklen, unkontrollierbaren Abgrund.
Seraphina lag gefangen unter seinem überwältigenden Gewicht, und ihr Verstand drehte sich in der chaotischen Dunkelheit. Der körperliche Schmerz wurde von einer erdrückenden Erkenntnis überschattet. Er war also nicht impotent gewesen und hatte sie einfach zu abstoßend gefunden, um sie zu berühren. Er hatte sich erst herabgelassen, sie zu nehmen, als sein zerbrechliches Ego bedroht worden war. Diese Demütigung brannte heißer als der körperliche Kontakt und prägte ein dauerhaftes Zeichen des Hasses in ihre Seele ein.