Sie zog ihren Trenchcoat enger um die Taille, die Kälte der Klimaanlage drang durch den Stoff. Sie ging den stillen Korridor entlang, ihre weich besohlten Schuhe machten kein Geräusch auf dem polierten Boden.
Am Ende des Ganges standen zwei große Bodyguards und redeten leise. Sie waren dem Fenster zugewandt, mit dem Rücken zum toten Winkel entlang der Wand. Adriene drückte sich näher an den Rand und schlüpfte an ihrem Blickfeld vorbei. Sie wollte Dallin überraschen. Sie wollte sein Gesicht sehen, wissen, dass er wirklich in Sicherheit war, bevor das Personal ihre Ankunft ankündigte.
Sie erreichte die schwere Eichentür der VIP-Suite. Ihre Hand schwebte über dem Messinggriff. Sie war gerade dabei, sie aufzustoßen, als ein Spalt grellen weißen Lichts aus dem Türspalt ihr ins Auge fiel. Sie hielt inne.
Von drinnen drang Dallins Stimme heraus. Sie war tief. Es war nicht der warme, zärtliche Ton, den er benutzte, wenn er ihr jeden Morgen auf die Stirn küsste. Er war kalt. Er klang wie brechendes Eis. Adrienes Augenbrauen zogen sich zusammen.
„Ist die Pressemitteilung fertig?"
Es war Pax Keller, Dallins leitender Anwalt. Adriene hielt den Atem an. Warum war Pax mitten in der Nacht hier und sprach über Pressemitteilungen?
„Der Skandal ist eingedämmt", sagte Pax, seine Stimme angespannt. „Aber Elainas Namen in diesem Schlamassel zu vergraben, hat uns ein Vermögen gekostet. Die Medien waren Sekunden davor, herauszufinden, dass sie mit dir im Auto war."
Adrienes Magen verkrampfte sich heftig. Ein scharfer, physischer Schmerz blühte direkt unter ihren Rippen auf. Elaina. Die Witwe seines verstorbenen Bruders.
Dallin stieß ein kurzes, humorloses Lachen aus. „Ist mir egal, was es kostet. Solange Elainas Ruf makellos bleibt, zahlt ihnen, was immer sie wollen."
Die Worte fühlten sich an wie ein Eimer Eiswasser, der direkt über Adrienes Kopf gegossen wurde. Ihre Finger wurden taub.
„Und was ist mit Adriene?", fragte Pax. „Wie erklärst du das deiner Frau?"
„Adriene ist genau das, was ich brauche, dass sie ist", sagte Dallin, seine Stimme triefte vor lässiger Verachtung. „Ein perfekter sozialer Schutzschild."
Adrienes Hand zuckte. Der Metallgriff der Thermoskanne schnappte scharf gegen ihre Handfläche, der plötzliche Schmerz biss in ihr Fleisch. Sie keuchte fast auf.
Draußen vor dem Fenster erschütterte ein gewaltiger Donnerschlag das Glas und überdeckte das scharfe Einatmen, das durch Adrienes Kehle riss.
„Ihre auffällige Persönlichkeit zieht alle Paparazzi an", fuhr Dallin fort, sein Ton klinisch. „Sie hält die Kameras beschäftigt, damit Elaina in Frieden leben kann. Das ist alles, was diese Ehe ist."
„Du verdienst einen Oscar, Dallin", kicherte Pax. „Die ganze Stadt denkt, du bist wahnsinnig in deine Frau verliebt."
Adrienes Augen brannten. Die Hitze stieg ihr ins Gesicht, und sie biss sich so fest auf die Unterlippe, dass sie Kupfer schmeckte.
„Es kostet mich alles", sagte Dallin, seine Stimme ging in ein höhnisches Grinsen reiner Abscheu über. „Jedes Mal, wenn ich Adriene anfassen muss, wird mir körperlich schlecht. Die einzige Art, wie ich es ertragen kann, ist, indem ich die Augen schließe und an Elaina denke."
Die Worte waren ein physischer Schlag. Adrienes Knie gaben nach. Ihre Beine wurden zu Wasser, und sie stolperte rückwärts. Ihr Rücken prallte hart gegen die kalte Wand des Korridors.
Im Zimmer brach das Gespräch abrupt ab.
„Hast du das gehört?", fragte Pax. Schwere Schritte bewegten sich zur Tür.
Reine, tierische Panik ergriff Adrienes Brust. Ihr Überlebensinstinkt setzte ein. Sie drehte sich um, ihre Augen huschten panisch umher, und warf sich in den leicht geöffneten Abstellraum, nur wenige Zentimeter entfernt.
Die schwere Suitetür schwang auf. Pax trat auf den Flur, seine Augen suchten den leeren Raum ab. Ein kalter Luftzug wehte an ihm vorbei. Er runzelte die Stirn, sein Kiefer angespannt, sah aber nichts.
Im stockfinsteren Abstellraum presste Adriene beide Hände auf den Mund. Tränen quollen über ihre Wimpern, heiß und schnell, liefen über ihre Wangen. Ihre Schultern zitterten heftig, ihre Brust hob und senkte sich, während sie kämpfte, um ihr Atmen geräuschlos zu halten.
Pax trat wieder hinein und die Tür klickte zu.
Die unmittelbare Gefahr war vorüber. Adriene ließ die Hände sinken, nach Luft schnappend, als wäre sie unter Wasser gehalten worden. Sie blickte auf die Thermoskanne in ihren zitternden Händen. Die Suppe, die sie drei Stunden lang zubereitet hatte. Sie fühlte sich schwer an. Sie fühlte sich wie ein Witz an. Eine Welle intensiver Übelkeit durchzog ihren Magen.
Sie stieß die Schranktür auf und stolperte heraus. Sie ging direkt zum großen Metallmülleimer neben dem Aufzug. Sie zögerte nicht. Sie ließ die Thermoskanne hineinfallen.
Sie traf mit einem hohlen, schweren Aufprall den Boden. Drei Jahre ihres Lebens, drei Jahre der Hingabe, zerbrachen in Stücke.
Sie zog ihr Handy aus der Tasche. Der Bildschirm leuchtete mit einer Nachricht auf, die Dallin vor einer Stunde geschickt hatte: Ich vermisse dich, Schatz.
Ein bitteres, gebrochenes Lachen entwich ihren Lippen. Ihr Daumen schwebte über dem Bildschirm, und sie drückte auf Löschen.
Adriene drehte sich um und ging in den Aufzug. Ihre Schritte, die noch vor Momenten wackelig gewesen waren, wurden fest. Die sanfte, liebevolle Wärme in ihren Augen war verschwunden, ersetzt durch einen harten, eiskalten Hass.
Die Türen öffneten sich zur Lobby. Sie trat hinaus und sah ihr Spiegelbild in den Glastüren. Ihre Wimperntusche war verschmiert. Sie hob den Handrücken und wischte die Tränen weg, ihre Haut wurde rot von der Reibung.
Sie drückte sich durch die Drehtüren und trat in den strömenden Regen hinaus. Die eiskalten Tropfen trafen ihr Gesicht, durchnässten ihr Haar sofort. Die Kälte war ein Schock für ihr System, klärte den Nebel aus ihrem Gehirn.
Ein Parkservice-Mitarbeiter rannte auf sie zu, einen großen Regenschirm haltend. „Mrs. Morales! Soll ich Herrn Morales' Fahrer anrufen?"
„Nein", sagte Adriene, ihre Stimme völlig leblos.
Sie ging an ihm vorbei, direkt in den Sturm. Als der Regen ihren Mantel durchnässte, dachte sie an die Lawine in Aspen zurück. Sie erinnerte sich, wie sie Dallin aus dem Schnee gegraben hatte, bis ihre Finger bluteten. Sie lachte laut über ihre eigene Dummheit.
Ein gelbes Taxi fuhr an den Bordstein. Sie öffnete die Tür und glitt auf den rissigen Ledersitz.
„Morales Estate", sagte sie dem Fahrer. Ihre Stimme enthielt keinerlei Emotionen.
Das Taxi reihte sich in den Verkehr ein. Draußen vor dem Fenster verschwammen die Neonlichter Manhattans im Regen. Adriene ballte ihre Hände zu festen Fäusten, ihre Nägel gruben sich tief in ihre Handflächen. Sie würde sie bezahlen lassen. Beide.