Sie stand auf der anderen Seite der Umzäunung, während der Wind ihr Sand und Staub gegen die Wangen peitschte. Ihre Haut spannte sich über ihrem Gesicht. Ihre Augen waren trocken. Sie hatte seit gefühlten Stunden nicht geblinzelt.
Der Aufseher, ein Mann mit einem Hals so dick wie ein Baumstumpf, warf eine durchsichtige Plastiktüte in den Schmutz zu ihren Füßen.
„Viel Glück, 402“, grunzte er. Er benutzte nicht ihren Namen. Drei Jahre lang hatte sie ihren Namen nur mit Verachtung ausgesprochen gehört.
Clarisa starrte auf die Tüte. Darin waren eine Zahnbürste, ein billiger Kamm und ein kleines, in Leder gebundenes Notizbuch. Es war nichts, was sie gestohlen hatte; es war etwas, dessen Besitzrecht sie sich durch reinen, verbissenen Überlebenswillen verdient hatte, ein Geheimnis, das sie einen Monat lang jeden Morgen in das dünne Futter ihres Kapuzenpullovers eingenäht und so hinausgeschmuggelt hatte. Es war ihr Leben. Es war alles, was sie besaß.
Sie bückte sich. Ihre Wirbelsäule knackte hörbar. Ihre Bewegungen waren steif, kalkuliert, wie eine Maschine, die nicht geölt worden war. Sie schnappte sich die Tüte, bevor der Wind sie davontragen konnte.
Ein schwarzer Stretch-Lincoln Navigator erschien am Horizont und schnitt durch die Staubwolken. Er sah aus wie ein Leichenwagen.
Er hielt genau drei Meter entfernt.
Der Fahrer stieg aus. Er trug weiße Handschuhe. Er öffnete die hintere Tür, wobei sein Blick für den Bruchteil einer Sekunde zu ihrem Gesicht huschte, bevor er wegsah. Darin lag Mitleid. Clarisa hasste Mitleid mehr als den Aufseher.
Sie ging auf das Auto zu. Jeder Schritt war eine Verhandlung mit ihrem Körper. Linker Fuß, aufsetzen. Rechter Fuß, leicht nachziehen. Nicht hinken. Zeig ihnen nicht, dass du gebrochen bist.
Sie glitt auf den Rücksitz. Die Tür fiel dumpf ins Schloss und schloss sie in ein Vakuum aus Stille und teurem Leder ein.
Brady war da.
Ihr Bruder trug einen marineblauen Anzug, der wahrscheinlich mehr kostete als das gesamte Jahresbudget des Camps. Er tippte auf seinem Handy, die Stirn ärgerlich in Falten gelegt. Eine ganze Minute lang blickte er nicht auf.
Die Luft im Auto roch nach Sandelholz und Klimaanlage. Es drehte Clarisa den Magen um. Sie war an den Geruch von Bleichmittel und ungewaschenen Körpern gewöhnt.
Endlich blickte Brady auf. Sein Blick musterte sie von oben bis unten.
Sie trug die graue Jogginghose und den übergroßen Kapuzenpullover, die das Camp ihr bei der Entlassung ausgehändigt hatte. Sie waren fleckig und rochen nach feuchter Lagerung.
Brady rümpfte die Nase. Er zog ein seidenes Taschentuch aus seiner Tasche und drückte es sich aufs Gesicht.
„Drei Jahre“, sagte er, seine Stimme von der Seide gedämpft. „Ich dachte, du hättest etwas über Hygiene gelernt. Wenigstens geduscht.“
Clarisa starrte geradeaus. Ihr Blick war unscharf, auf die Trennwand zwischen ihnen und dem Fahrer gerichtet. Sie sagte nichts.
Schweigen war die erste Waffe, die sie in der Dunkelheit geschmiedet hatte.
Brady schlug seine Ledermappe zu. Das Geräusch war scharf in der stillen Kabine. „Hat es dir die Sprache verschlagen? Mom und Dad warten auf eine Entschuldigung.“
Clarisa drehte langsam den Kopf. Ihre Nackenmuskeln fühlten sich an wie Drahtseile. Ihre Augen waren leer.
„Eine Entschuldigung?“, ihre Stimme war rau, unbenutzt. „Wofür?“
Brady blinzelte. Er sah aufrichtig überrascht aus, dann verhärtete sich sein Gesichtsausdruck zu einem höhnischen Grinsen. „Dafür, dass du Kaleigh beinahe ruiniert hast. Für die Drogen. Dafür, dass du ein Albtraum für die Öffentlichkeitsarbeit warst.“
Clarisa spürte eine Phantomempfindung in ihrem Arm, die Erinnerung an eine Nadel, nach der sie nicht gefragt hatte. Sie sah Kaleighs Gesicht vor sich, tränenüberströmt und perfekt, wie sie die Polizei anlog.
Ein kleines, fast unsichtbares Lächeln umspielte Clarisa's Mundwinkel.
„Dann solltet ihr meine Rückkehr definitiv feiern“, flüsterte sie. „Ich habe ihnen so viel zu erzählen.“
Bradys Gesicht nahm einen Rotton an, der sich mit seiner Krawatte biss. Er interpretierte ihre Leblosigkeit als Arroganz. Er hasste es, nicht die klügste Person im Raum zu sein.
Er drückte den Knopf der Sprechanlage.
„Halten Sie den Wagen an“, bellte er.
Die Bremsen griffen hart. Clarisas Körper wurde nach vorne geschleudert. Ihre Brust knallte gegen die Rückenlehne des Vordersitzes.
Sie stieß einen kleinen, scharfen Laut aus, als der Aufprall ihre unteren Rippen traf. Dort war ein tiefer, quälender Bluterguss über Rippen, die vor Monaten gebrochen und nie richtig verheilt waren. Der Schmerz strahlte wie ein Sternenfeuer aus, weiß und heiß.
Brady zeigte auf die Tür.
„Wenn du so eine Zicke sein willst, kannst du laufen“, sagte er. „Vielleicht wäscht der Regen den Gestank von dir ab. Denk über deine Einstellung nach, bevor du einen Fuß in mein Haus setzt.“
Clarisa blickte aus dem Fenster. Der Himmel färbte sich bedrohlich lila und schwarz. Ein Sturm zog auf. Sie waren meilenweit vom Anwesen entfernt, auf einem einsamen Autobahnabschnitt, umgeben von nichts als Gestrüpp.
Sie bettelte nicht. Sie weinte nicht.
Sie zögerte nicht einmal.
Clarisa griff nach dem Türgriff. Sie stieß die Tür auf. Der Wind heulte und drang wie ein leibhaftiger Eindringling in die keimfreie Kabine ein.
Brady sah fassungslos aus. Er hatte erwartet, dass sie seinen Arm packen, dass sie flehen würde, dass sie das dramatische, emotionale Wrack sein würde, das sie früher war.
Clarisa stieg aus. Ihre Turnschuhe trafen auf den Schotter.
Sie schlug die Tür zu. Knall.
Der Lincoln wartete nicht. Der Fahrer kletterte bereits hastig zurück auf seinen Sitz, und die Tür fiel eine Sekunde, bevor der Motor aufheulte, dumpf ins Schloss. Er raste mit quietschenden Reifen davon und wirbelte eine Staubwolke auf, die ihre Zunge bedeckte. Clarisa stand am Straßenrand und umklammerte die Plastiktüte an ihrer Brust.
Sie sah den Rücklichtern nach, wie sie in der Düsternis verblassten.
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