Dann auf dem Herzmonitor, der einen stetigen, monotonen Rhythmus piepte.
Dieses Geräusch war der einzige Beweis, dass sie noch am Leben war.
„Es ist Zeit", sagte Heidekraut in die Leere des Raumes.
Er zog einen Stift aus seiner Brusttasche.
Das Klicken des Stifts hallte durch das stille Zimmer.
Er unterschrieb das Papier auf dem Klemmbrett.
Nicht wiederbeleben.
Himmelszelt wollte schreien.
Sie wollte um sich schlagen, betteln, nach dem Warum fragen.
Aber ihre Kehle war eine trockene Höhle.
Ihre Stimmbänder nutzlos.
Treibholz, ihre Stiefmutter, trat hinter Heidekraut hervor.
Sie trug Himmelszelts Lieblingsperlenkette.
Treibholz beugte sich über das Bett.
Ihr Parfüm war süßlich und schwer.
Es überdeckte den Geruch von Desinfektionsmittel.
„Armes kleines reiches Mädchen", flüsterte Treibholz.
Sie strich Himmelszelt die Haare von der klammen Stirn.
„Du dachtest wirklich, es war der Autounfall, nicht wahr?"
Himmelszelts Augen weiteten sich.
Es war der einzige Teil von ihr, der sich noch bewegen konnte.
„Es war der Tee, Liebes", murmelte Treibholz.
Ihre Lippen streiften Himmelszelts Ohr.
„Genau wie bei deiner Mutter. Ein langsames, geschmackloses Gift. Es ahmt Herzversagen wunderschön nach."
Himmelszelts Herz hämmerte gegen ihre Rippen.
Der Monitor begann schneller zu piepen.
Schrill.
Panisch.
Treibholz kicherte.
Ein leises, grausames Geräusch.
„Und du warst so blind. So besorgt um deine Hochzeit mit Kiesel. Dachtest du wirklich, er würde treu bleiben? Waagschales Junge ist schon sieben Jahre alt. Und dieses Offshore-Konto, das Kiesel mit der Hilfe deines Vaters eingerichtet hat... dein Erbe hat ihr kleines Liebesnest auf den Caymans bezahlt. Du hast für alles bezahlt, du dummes, dummes Mädchen."
Die Worte waren wie Säure.
Sie lösten die letzten ihrer Illusionen auf.
Ein Sohn.
Geldwäsche.
Alles stürzte auf einmal auf sie ein.
„Hör auf mit dem Lärm", blaffte Heidekraut.
Er streckte die Hand aus und riss das Kabel aus der Wand.
Das Piepen erstarb.
Stille strömte herein.
Schwer und erstickend.
Himmelszelts Sicht begann an den Rändern zu verschwimmen.
Schwarze Punkte tanzten vor ihren Augen.
Ihre Lungen brannten nach Luft, die nicht kam.
Panik, kalt und scharf, schnitt durch ihr schwindendes Bewusstsein.
Sie hatten ihre Mutter getötet.
Sie töteten sie.
Die Dunkelheit verschlang sie ganz.
Und dann schnappte sie nach Luft.
Sauerstoff strömte in ihre Lungen, gewaltsam und plötzlich.
Himmelszelt schoss im Bett hoch.
Ihre Brust hob und senkte sich heftig.
Sie krallte sich an ihren Hals, erwartete den Phantomschlauch zu spüren, die Trockenheit des Todes.
Ihre Haut war warm.
Ihr Hals war glatt.
Sie war nicht in dem sterilen weißen Zimmer.
Sie war umgeben von Seidenlaken.
Über ihr hing ein Kristallkronleuchter, der das Morgenlicht in tausend Prismen brach.
Das war ein Hotelzimmer.
Ein sehr teures Hotelzimmer.
Ihr Herz schlug so hart, dass sie es in ihren Ohren hören konnte.
Sie sah auf ihre Hände.
Sie waren nicht ausgezehrt und dünn.
Sie waren manikürt, die Haut rosig vor Leben.
Ein Telefon summte auf dem Nachttisch.
Sie griff danach.
Ihre Finger zitterten so stark, dass sie es fast fallen ließ.
Der Bildschirm leuchtete auf.
12. September.
Vor fünf Jahren.
Der Tag ihrer Hochzeit.
Himmelszelt starrte auf das Datum.
Ihr Atem stockte.
Sie war nicht tot.
Sie war zurück.
Ein tiefes Stöhnen kam von der anderen Seite des riesigen Bettes.
Himmelszelt erstarrte.
Ihr Blut gefror zu Eis.
Sie drehte langsam den Kopf.
Die Wirbel in ihrem Nacken knackten.
Ein Mann lag neben ihr.
Er lag auf dem Bauch, das Laken um seine Hüften geschlungen.
Sein Rücken war eine Landschaft aus Muskeln und Tinte.
Ein großes Tattoo eines Wolfes spannte sich über sein Schulterblatt.
Er bewegte sich und rollte auf den Rücken.
Zepter.
Der Feind der Familie Heidekraut.
Der Mann, der in drei Jahren das Unternehmen ihres Vaters zerstören würde.
Der Mann, den alle den Wolf der Wall Street nannten.
Erinnerungen aus ihrem vergangenen Leben – ihrem ersten Leben – krachten in ihren Verstand.
Die Nacht vor ihrer Hochzeit.
Sie war auf ihrem Junggesellinnenabschied unter Drogen gesetzt worden.
Sie war hier aufgewacht.
Sie hatte geschrien.
Sie war in ein Laken gewickelt auf den Flur gerannt, direkt in eine Wand aus Paparazzi.
Der Skandal hatte sie ihres Erbes beraubt.
Es war der erste Dominostein in der Reihe, die zu ihrem Tod in diesem Sanatorium führte.
Zepter öffnete die Augen.
Sie waren sturmgrau.
Scharf und sofort wach.
Da war keine Schläfrigkeit in seinem Blick, nur eine kalte, raubtierhafte Einschätzung.
Er sah sie an, als wäre sie eine Eindringlingin.
„Raus", sagte er.
Seine Stimme war ein tiefes Grollen, rau vom Schlaf.
„Raus, Frau Himmelszelt."
Himmelszelt biss sich auf die Lippe.
Sie biss hart zu, bis sie den metallischen Geschmack von Blut schmeckte.
Der Schmerz erdete sie.
Es war real.
Sie würde dieses Mal nicht wegrennen.
Sie dachte an Heidekraut, wie er den Stecker zog.
Sie dachte an Treibholzs Flüstern.
Angst war ein Luxus, den sie sich nicht mehr leisten konnte.
Sie zog das Seidenlaken bis zu ihrem Schlüsselbein hoch und bedeckte ihre Blöße.
Sie begegnete Zepters Blick.
Sie zuckte nicht zurück.
„Nein", sagte Himmelszelt.
Ihre Stimme war kratzig, aber sie zitterte nicht.
„Ich gehe nicht, Zepter."