Hinter den verschlossenen Türen des Herrenhauses der Familie Lawrence konnte selbst der Glanz der Kronleuchter und der edlen Holzvertäfelungen die dort herrschende Dunkelheit kaum verbergen. In der angespannten Stille durchschnitt ein ersticktes Stöhnen die Luft. Mitten im großen Salon kroch Jeanne keuchend über den Boden, ihre Hände hinterließen rote Spuren auf dem polierten Parkett. Ihre Kräfte schwanden, doch das eisige Leuchten ihres Willens weigerte sich zu erlöschen.
Jeder Schritt auf sie zu hätte Hilfe bedeuten sollen – doch niemand rührte sich. Die Verlassenheit hatte um sie herum Gestalt angenommen, kalt und hart wie die Mauern des Anwesens. In ihrem Inneren hallten noch immer die giftigen Worte dessen wider, der sie hätte beschützen müssen.
- Jeanne... du beschmutzt unseren Namen. Hättest du nicht an Eden festgehalten, hätte ich dich an dem Tag hinausgeworfen, an dem deine Mutter dich zur Welt brachte.
- Meine Kinder sind Jasmine und Joshua. Du... bist nichts.
Diese Erinnerungen bissen tiefer als ihre Wunden. Ihre aufgeplatzten Lippen verzogen sich zu einem bitteren Lächeln. Ihre Halbschwester hatte ihr die Liebe genommen, ihre Zukunft zertreten – und dennoch war sie es, die Ausgestoßene.
Eine Gestalt beugte sich vor ihr nieder. Jasmine. Die Unschuld war aus ihren Zügen gewichen, ersetzt durch einen grausamen Glanz.
- Na, Jeanne... wie fühlt es sich an, von Papa zurechtgewiesen zu werden?
Jeanne wandte den Kopf ab und weigerte sich, dieses Gesicht als letztes zu verankern.
- Du hieltest dich für unantastbar. Du dachtest, Eden liebt dich? Wie naiv. Er gehört mir.
Wären ihre Knochen nicht bei jeder Bewegung vor Schmerz aufgeschrien, hätte sie genug Hass besessen, um Jasmine mit in ihren Sturz zu reißen.
- Du bist nichts weiter als eine Schande für die Familie, flüsterte Jasmine. Stirb – und erspare uns deine Gegenwart.
Doch Jeanne weigerte sich, diesem Befehl zu gehorchen. Leben, um zurückzuschlagen – das allein hielt sie noch aufrecht. Mit sadistischer Genugtuung füllte Jasmine ein Glas mit Wasser, warf eine Handvoll Salz hinein und goss die Mischung über ihre Wunden.
Ihr Schrei zerriss die Luft, doch kein einziges Familienmitglied wandte den Blick ab. Ein Messer blitzte in Jasmines Hand auf, die Klinge bereit, eine Spur in ihr Gesicht zu schneiden, als die Tür unter einem heftigen Stoß nachgab.
- JEANNIE!
Monica stürmte herein, außer Atem, und sank neben Jeanne auf die Knie.
- Ich bringe dich ins Krankenhaus.
- Träum weiter, fauchte Jasmine.
Monica senkte den Blick nicht.
- Dein Vater kann drohen, das ist mir egal.
Alexander erschien oben auf der Treppe, thronend.
- Leg sie hin.
- Du willst sie sterben lassen? Sie ist deine Tochter, verdammt!
- Das geht dich nichts an.
- Doch. Ab jetzt schon.
Sie machte einen Schritt, doch die Bediensteten schlossen sich um sie. Jeanne wurde ihr aus den Armen gerissen.
- Bringt sie in ihr Zimmer zurück, befahl Alexander.
Monica zitterte, doch ihre Stimme schnitt durch die Luft.
- Wenn sie stirbt, bleibe ich hier und sterbe mit ihr.
Das Urteil fiel eisig:
- Jeanne Lawrence existiert nicht mehr.
Einen Moment der Unachtsamkeit nutzend, riss Monica Jeanne wieder an sich und durchquerte die Tür. Dieses Mal griff niemand ein.
Draußen peitschte der Regen ihr ins Gesicht, doch sie ging weiter, ihre Schuhe zerfielen mit jedem Schritt.
- Halt durch...
- Danke..., hauchte Jeanne.
- Bedank dich nicht. Wenn du gehst, gehe ich mit dir.
Sie erreichten das Krankenhaus. Doch die Atempause war kurz. Auf Alexanders Befehl erhielt Jeanne ein Ticket ins Exil. Achtzehn Jahre alt – und bereits aus South Hampton verbannt, fort von Harken.
Sieben Jahre vergingen. Die Stadt glänzte noch immer, verbarg unter ihren Bällen und goldenen Gesprächen eine Leere, getränkt von Groll. Und dann, eines Tages, kehrte sie zurück.
In der Flughafenhalle schritt Jeanne voran, einen Koffer aus abgenutztem Leder hinter sich herziehend. An ihrer Seite ein sechsjähriger Junge mit dunklen Locken, feiner Brille und einem Buch fest an die Brust gedrückt.
Sie, gehüllt in einen Mantel, der wie für eine gestürzte Königin geschneidert schien, trug auf ihrem Gesicht die Ruhe überstandener Stürme. Ihr Haar rollte wie dunkle Wellen, ihre roten Lippen wirkten, als könnten sie Versprechen zerschneiden. Die Blicke glitten über sie, angezogen wie von einem unsichtbaren Magneten – und sie ging weiter, aufrecht, unerbittlich.