Dr. Smith betrat den Raum. Er lächelte nicht. Er war der Mann, der die Hälfte der Erben der Manhattaner Elite auf die Welt gebracht hatte, und er wusste, wann eine Situation Anlass zur Freude gab und wann zur Vorsicht. Er hielt eine Aktenmappe in den Händen. Sein langsames, bedächtiges Öffnen der Mappe ließ Vivians Magen verkrampfen.
Vivian beobachtete, wie seine Augen den Ultraschallbericht überflogen. Er runzelte die Stirn. Es war nur eine winzige Bewegung, ein Spannen der Haut zwischen seinen Augenbrauen, doch für Vivian fühlte es sich an wie ein Schrei.
„Sie sind schwanger, Mrs. Sterling", sagte Dr. Smith.
Die Luft entwich Vivian mit einem Stoß aus den Lungen. Ihre Hand glitt instinktiv zu ihrem flachen Bauch, über den Seidenstoff ihrer Bluse. Tausendmal hatte sie sich diesen Moment ausgemalt. In ihren Vorstellungen war er stets von Freudentränen begleitet gewesen, von Julians Hand, die ihre hielt, und dem Versprechen einer Zukunft, die ihre Kälte vertreiben würde. Aber Julian war nicht hier. Julian war in London, zumindest laut seinem Terminkalender.
„Aber", fuhr Dr. Smith fort, und seine Stimme sank um eine Oktave. „Wir müssen über die Lebensfähigkeit sprechen."
Vivian erstarrte. Die Freude, die für den Bruchteil einer Sekunde aufgeflammt war, erstickte augenblicklich in einer kalten Welle der Angst.
„Vivian, Ihre Gebärmutterwand ist außergewöhnlich dünn. In Kombination mit Ihrer Anämie in der Vorgeschichte und den Stressmarkern in Ihrem Blutbild stufen wir dies als Hochrisikoschwangerschaft ein. Extrem hohes Risiko."
Der Begriff hing zwischen ihnen in der Luft. Hohes Risiko. Es klang wie ein Geschäftsabschluss, wie eine Aktienoption, nicht wie ein Kind.
Vivian nickte. Sie versuchte zu sprechen, doch ihre Kehle fühlte sich an wie mit Sand gefüllt. Heiße, brennende Tränen stiegen ihr in die Augen, aber sie weigerte sich, sie zuzulassen. Sie war eine Sterling durch Heirat, und Sterlings weinten nicht vor Angestellten – schon gar nicht vor medizinischem Personal.
„Beeinflusst Stress das?", flüsterte sie. Ihre Stimme klang ihr fremd, dünn und brüchig.
Dr. Smith nahm seine Brille ab und sah sie mit einem Mitleid an, das sie hasste. „Stress ist im Moment Ihr größter Feind, Vivian. Ich kann das nicht genug betonen. Sie brauchen absolute Bettruhe. Sie brauchen Frieden. Jeder größere emotionale oder physische Schock könnte eine Fehlgeburt auslösen."
Vivian glitt vom Tisch. Ihre Beine fühlten sich unsicher an, als ginge sie auf dem Deck eines Schiffes bei schwerem Seegang. Sie nahm das Rezept für die Schwangerschaftsvitamine und die Progesteronpräparate entgegen.
„Ich zahle heute bar", sagte Vivian plötzlich, ihre Stimme scharf. „Und ich möchte, dass diese Akte versiegelt wird. Keine Abrechnung mit der Versicherung. Keine digitalen Einträge im Familienportal. Ist das möglich?"
Dr. Smith sah sie überrascht an, nickte aber langsam. „Selbstverständlich, Vivian. Die ärztliche Schweigepflicht ist oberstes Gebot."
„Danke", sagte sie.
Sie verließ die Praxis und hielt bei einer kleinen, unabhängigen Apotheke drei Blocks entfernt an. Sie wollte nicht, dass der Familienapotheker der Sterlings das Rezept zu Gesicht bekam. Sie kaufte die Vitamine und eine Flasche mit einem gewöhnlichen Antazidum. In der Abgeschiedenheit der Apothekentoilette warf sie die Tabletten gegen Sodbrennen in den Müll und füllte die Schwangerschaftsvitamine in das unschuldig aussehende Fläschchen. Sie kratzte das Rezeptetikett ab, bis nur noch die allgemeinen Anweisungen übrig waren.
Sie trat hinaus auf die Fifth Avenue. Der Wind war beißend, er schnitt durch ihren Mantel und schlug ihr mit einer Unverfrorenheit ins Gesicht, die sich persönlich anfühlte. Sie stand auf dem Bürgersteig, umgeben vom Lärm der Taxis und dem Gedränge der Touristen, und zum ersten Mal in ihrem Leben spürte sie den Anflug von etwas Ursprünglichem.
Ihr Blick wanderte zu ihrem Bauch. Nichts war zu sehen, keine Wölbung, kein äußeres Zeichen von Leben, doch tief in ihr spürte sie die Gewissheit. Da war etwas. Etwas, das ihr gehörte.
Sie musste es Julian sagen.
Der Gedanke traf sie mit der Wucht einer Offenbarung. Ihre Ehe war in letzter Zeit kalt gewesen. Eisig, um genau zu sein. Er war distanziert, abgelenkt, ständig am Telefon, ständig unterwegs. Aber ein Baby änderte alles. Ein Baby war eine Brücke. Ein Baby war ein Neuanfang. Wenn er es wüsste, würde er sich ändern. Er musste es einfach. Er war ein Sterling. Familie bedeutete ihnen alles.
Sie zog ihr Telefon aus der Tasche und rief den Fahrer der Familie an.
„Zum JFK", sagte sie mit leicht zitternder Stimme. „Internationale Ankünfte, bitte."
Während sie in den Fond der schwarzen Limousine glitt, überprüfte sie die Flugverfolgungs-App auf ihrem Telefon. Julians Privatjet sollte in 45 Minuten landen. Er kam einen Tag früher nach Hause. Sie hätte es nicht wissen sollen, aber sie verfolgte seine Flüge. Es war die einzige Möglichkeit, um überhaupt zu wissen, wo ihr Mann sich die meiste Zeit aufhielt.
Der Verkehr auf dem Van Wyck Expressway war ein Albtraum. Rote Rücklichter zogen sich wie ein Fluss aus Blut in die Ferne. Vivian überprüfte ihr Spiegelbild im Puderspiegel. Sie sah blass aus. Sie kniff sich in die Wangen, um etwas Farbe in ihr Gesicht zu zwingen. Sie übte ihr Lächeln. Es wirkte brüchig, verängstigt.
Als der Wagen schließlich am privaten VIP-Terminal vorfuhr, überkam Vivian eine Welle der Übelkeit. Sie redete sich ein, es sei die Schwangerschaft. Sie redete sich ein, es sei keine Furcht.
Sie stand am Gate und ignorierte den kalten Luftzug, der durch die automatischen Türen strich. Sie war die einzige wartende Ehefrau. Normalerweise warteten hier Assistenten oder Fahrer. Ehefrauen warteten zu Hause. Aber Vivian wollte, dass dieser Moment etwas Besonderes wurde. Sie wollte sein Gesicht sehen, wenn sie es ihm sagte.
Passagiere des Fluges begannen, den Bereich zu betreten. Ein paar Geschäftsleute, die sie vom Sehen kannte, nickten ihr höflich zu. Eine berühmte Schauspielerin rauschte vorbei, umgeben von ihrer Entourage.
Vivian musterte die Menge. Ihr Herz hämmerte gegen die Rippen. Sie suchte nach seiner Statur, dem scharfen Schnitt seines Kiefers, der Art, wie er ging, als gehöre ihm der Boden unter seinen Füßen.
Die Menge lichtete sich. Dann löste sie sich auf.
Julian war nicht da.
Vivian überprüfte die App erneut. Gelandet.
Sie rief sein privates Handy an. Es klingelte einmal. Dann sprang die Mailbox an. Die mechanische Stimme der Ansage traf sie wie ein Schlag.
Sie rief Arthur an, seinen Stabschef. Es klingelte und klingelte, bis die Verbindung abbrach.
Vivian stand einfach nur da. Das Terminal war jetzt leer, bis auf einen Hausmeister, der einen Wischeimer vor sich herschob. Die Stille war ohrenbetäubend. Sie spürte eine Kälte, die nichts mit der Klimaanlage zu tun hatte. Ihr wurde bewusst, dass sie seit zwei Stunden hier stand.
Ihr Telefon summte.
Es war eine Nachricht. Ein Google-Alert, den sie auf den Namen Julian Sterling eingerichtet hatte.
Sie öffnete ihn. Es war ein Foto von einer Paparazzi-Agentur. Der Zeitstempel war zwanzig Minuten alt.
Das Foto war körnig, aber deutlich genug. Es zeigte Julian, wie er in einen schwarzen SUV stieg – am privaten Ausgang, der von extrem hochkarätigen Prominenten genutzt wurde, um das Haupt-VIP-Terminal zu umgehen, in dem sie stand. Er war nicht allein.
Eine Frau stieg vor ihm ein. Alles, was Vivian sehen konnte, war eine Silhouette, lange Beine und eine Mähne aus blondem Haar.
Vivian starrte auf den Bildschirm. Die Welt schien aus den Angeln gehoben. Er hatte den Hauptausgang gemieden. Er hatte den Wagen der Familie gemieden. Er hatte ein separates Fahrzeug genommen, wahrscheinlich von seinem Sicherheitsteam organisiert, um absolute Diskretion zu wahren.
Der Fahrer, der bei der Limousine der Familie gewartet hatte, trat auf sie zu. Sein Blick fiel auf ihr Telefon, dann auf ihr Gesicht. Er hatte versucht, Julians Sicherheitsteam zu erreichen, aber sie hatten Funkstille angeordnet. Sein Ausdruck wandelte sich zu etwas, das wie Mitleid aussah. Vivian hasste es.
„Mrs. Sterling?", sagte der Fahrer leise. „Sollen wir nach Hause fahren?"
Vivian senkte den Kopf. Ihre Hand bewegte sich erneut zu ihrem Bauch, ein schützender Schild über dem Geheimnis, das sich plötzlich unendlich schwer anfühlte.
„Ja", flüsterte sie. „Bringen Sie mich nach Hause."