Eine männliche Stimme folgte, tief und rau vor Verlangen: „Niemand kommt an dich ran. Ich kann nicht glauben, dass du mich verführt hast, während du diese hässliche Missgeburt heiratest.“
Sophie wurde übel, als sie diese Stimmen erkannte. Mit zitternden Händen stieß sie die Tür auf.
Auf dem Schminktisch lag Alice völlig entblößt und mit einem Mann verschlungen. Ihr Hochzeitskleid lag achtlos auf dem Boden.
Und der Mann war David Lloyd, Sophies Freund seit drei Jahren.
Ihre Gedanken rasten zurück zu seinen Worten von vor wenigen Tagen. „Ich möchte mir die Hochzeit deiner Cousine ansehen. Das hilft uns bei der Planung unserer eigenen.“
Alice klammerte sich an David und stöhnte lauter: „David, ich liebe dich! Lass uns zusammen durchbrennen!“
Wut kochte in Sophie hoch. Mit aller Kraft schleuderte sie den Brautstrauß auf die beiden.
Der plötzliche Angriff ließ beide erschrocken aufschreien.
David zerrte hastig seine Hose hoch, sein Gesicht wurde kreidebleich, als er Sophies wütenden Blick traf. „Sophie, warte! Du verstehst das völlig falsch! Sie hat sich an mich rangemacht!“, stammelte er.
Sophie lachte bitter auf und verpasste ihm dann eine schallende Ohrfeige. „Ach wirklich? Hat sie dich etwa gezwungen?“
David erstarrte, wie gelähmt.
Alice warf sich hastig etwas über und eilte herbei, um ihn zu verteidigen. „Sophie, was fällt dir ein?“
Sophies eisiger Blick ließ sie sofort verstummen. Eine weitere kräftige Ohrfeige landete mitten auf Alices Wange.
„Du! Wie kannst du es wagen, mich zu schlagen?“, zischte Alice, ihr Schock verwandelte sich in pure Wut.
Es war das erste Mal, dass Sophie ihre Cousine geschlagen hatte.
Sophies Kindheit war nicht leicht gewesen. Ihr Vater war nie da gewesen, und ihre Mutter war ohne jede Erklärung verschwunden, als sie gerade fünf Jahre alt war.
Kolton Barnes, der Bruder ihrer Mutter, und seine Frau Michelle Barnes hatten sie aufgenommen und ihr ein Zuhause gegeben.
Alice, deren leibliche Tochter, war verwöhnt und anspruchsvoll aufgewachsen, überzeugt davon, dass alles und jeder ihr gehörte.
Sie hatte Sophie immer als Eindringling betrachtet, als jemanden unter ihrer Würde.
Jahrelang hatte Sophie Alices Beleidigungen ertragen, ihre kleinen Diebstähle und ständigen Provokationen verborgen, nur aus Dankbarkeit und Respekt gegenüber Kolton. Doch als Sophie diesen Verrat direkt vor ihren Augen sah, weigerte sie sich, länger an sich zu halten.
Alice, die sich empört die Wange hielt, versuchte zurückzuschlagen, doch Sophie fing ihre Hand ab und verpasste ihr eine weitere kräftige Ohrfeige.
„Ist es nicht meine Pflicht, einer schamlosen jüngeren Cousine eine Lektion zu erteilen?“, fuhr Sophie sie an.
In diesem Moment polterten eilige Schritte vor der Tür.
„Was geht hier vor?“
Kolton und Michelle stürmten herein.
Ein einziger Blick auf Alices halb gebundenen Morgenmantel und Davids lippenstiftverschmierten Hals genügte. Sie verstanden sofort.
Koltons Gesicht verfinsterte sich vor Zorn. „Das ist unglaublich! An deinem Hochzeitstag, Alice? Wie soll ich das den Knights erklären?“
Außer sich vor Wut holte er aus, um Alice zu ohrfeigen, doch Michelle zog sie schnell an sich und schirmte sie vor dem drohenden Schlag ab.
Schluchzend rief Alice: „Ich will Adrian Knight nicht heiraten! Er ist entstellt, versteckt sich hinter einer Maske, und alle sagen, er sei ein Schürzenjäger! Ihr zwingt mich in einen Albtraum!“
Als Michelle das hörte, schossen ihr die Tränen in die Augen.
Koltons Kiefer verhärtete sich. „Als wir die Verlobung arrangierten, war er noch nicht entstellt. Die Knights sind die reichste Familie der Stadt. Sich mit ihnen anzulegen kommt nicht infrage.“
„Ist Sophie nicht auch eine Barnes?“, platzte Alice heraus und zeigte direkt auf ihre Cousine. „Dann soll sie ihn doch heiraten!“
Sophie, die Alices Zusammenbruch mit kühler Gelassenheit beobachtet hatte, war von ihren Worten überrumpelt.
Sie lächelte spöttisch: „Warum sollte ich?“
Michelle, die bisher geschwiegen hatte, ließ ihre Tochter los und ergriff Sophies Hand. Ihre Augen schimmerten tränenerfüllt, als sie flehte: „Sophie, nach allem, was wir für dich getan haben, nachdem wir dich großgezogen haben, tu uns diesen einen Gefallen und heirate ihn an Alices Stelle.“
Sophie spürte das vertraute Gewicht der Schuldgefühle auf ihrer Brust lasten.
„Nach allem, was wir für dich getan haben …“ Diese Worte hatten sie ihr ganzes Leben lang verfolgt und benutzt, um sie gefügig zu machen, um sie dazu zu bringen, ihre eigenen Wünsche immer wieder aufzugeben.
Alles, was sie geopfert hatte, ob ihre Spielsachen, ihre erste Liebe oder ihr hart verdientes Geld, war immer als selbstverständlich betrachtet worden.
Und jetzt wollten sie auch noch ihr Glück eintauschen. Doch dieses Mal wollte sie nicht nachgeben.
Sophie richtete sich auf und hielt ihre Stimme fest: „Nein. Ich werde ihn nicht heiraten. Ich werde hart arbeiten, um es euch zurückzuzahlen, ja, aber ich werde mein Leben nicht für Alice opfern und niemanden heiraten, den ich nicht liebe.“
Michelles Miene versteinerte sich. Sie hatte nicht erwartet, dass Sophie ihr so offen die Stirn bieten würde.
Doch sie hatte noch eine Karte in der Hinterhand.
Sie beugte sich vor und flüsterte: „Ich weiß, wo deine Mutter ist.“
Sophie erstarrte und der Mund wurde ihr trocken. Sie starrte Michelle an, Unglaube und ein winziger Funke Hoffnung kämpften in ihr.
Michelle trat einen Schritt zurück, ließ die Worte in der Luft hängen und warf ihr einen vielsagenden Blick zu.
Sophie verstand es sofort. Entweder sie heiratete Adrian, oder sie würde ihre Mutter nie wiedersehen. Es gab keinen Mittelweg.
Ihr Blick fiel auf David, der mit Alices Lippenstift an seinem Hals unbeholfen dastand.
Ein bitteres Lachen entfuhr ihr. Sie hatte einst davon geträumt, aus Liebe zu heiraten, erkannte jedoch durch Davids Verrat, dass ihre Liebe in Wharheit nur ein Witz, eine Lüge war.
Gedanken an die sanften Hände ihrer Mutter kamen ihr in den Sinn und sie fasste ihre Entscheidung: Wenn die Ehe schon ein Handel sein sollte, dann wenigstens für etwas Wirkliches.
Sie bückte sich, hob den staubbedeckten Brautstrauß mit den zerdrückten Blütenblättern auf und reckte das Kinn. „In Ordnung“, sagte sie schließlich, „ich werde Adrian Knight heiraten.“