„Vielleicht ist es der Verkehr, Liebes“, bot Frau Sullivan an und stellte eine Tasse lauwarmes Wasser auf den kleinen Tisch neben Amelias Stuhl.
Amelia zwang sich zu einem Lächeln, das sich anfühlte, als würde Putz reißen. „Ja, der New Yorker Verkehr ist immer schrecklich.“
Ihr Blick wanderte zu dem Plakat an der Wand. Ein strahlendes Paar, darunter in fröhlicher Schrift die Worte „Glückliche Ehen beginnen hier“. Die Ironie legte sich wie ein physisches Gewicht auf ihre Brust und machte ihr das Atmen schwer.
Ein Summen vibrierte aus ihrer Handtasche.
Ihr Herz sprang ihr in die Kehle. Kayson.
Sie fummelte nach ihrem Handy, ihre Finger waren ungeschickt und kalt. Der Bildschirm leuchtete auf, aber der Name, der aufblitzte, war nicht seiner.
Es war „Leo Foster“. Kaysons Assistent.
Der letzte Funken Hoffnung in ihr starb, hinterließ eine kalte, dunkle Leere. Sie holte scharf Luft, die Luft brannte in ihren Lungen, und nahm den Anruf entgegen.
„Frau Frye“, Leos Stimme war höflich, professionell und völlig emotionslos. „Meine aufrichtigste Entschuldigung. Herr Edwards hat eine dringende Angelegenheit. Frau Carlisle hat sich bei einer Probe den Knöchel verstaucht, und er musste sofort zu ihr.“
Kamila Carlisle.
Der Name war ein vertrautes Gift, das durch das Telefon direkt in ihr Gehirn sickerte. Es war immer Kamila. Der Grund für den ersten verpassten Jahrestag, den dritten verpassten Geburtstag und jetzt, das neunte verpasste Versprechen.
Amelia sagte nichts.
Sie legte einfach auf.
Der Bildschirm des Handys wurde schwarz und spiegelte ihr eigenes blasses, gefühlloses Gesicht wider. Sie sah aus wie eine Fremde.
Sie öffnete ihren Nachrichtenverlauf mit Kayson. Ihre Daumen bewegten sich mit einer seltsamen, distanzierten Präzision.
„Kayson Edwards, es ist vorbei.“
Senden.
Dann, ohne einen Mamaent zu zögern, fand ihr Finger die Option: „Blockieren und Kontakt löschen.“
Eine tiefe Stille erfüllte ihren Kopf, als sie es tat. Der riesige Stein, der jahrelang ihre Brust erdrückt hatte, rollte endlich weg. Sie konnte wieder atmen. Die Luft, einst dünn und scharf, fühlte sich jetzt voll und sauber an.
Sie stand so abrupt auf, dass der Stuhl mit einem Kreischen über den Linoleumboden schrammte.
Frau Sullivan zuckte zusammen, ihr Ausdruck wechselte von Mitleid zu Alarm.
Amelia ging zum Schalter der Sachbearbeiterin und stellte die unberührte Tasse Wasser sanft ab.
Sie sah Frau Sullivan direkt in die Augen, ihre Stimme klar und fest, wie sie es seit Jahren nicht mehr gewesen war.
„Ich habe mich entschieden. Ich werde nicht heiraten.“
Frau Sullivans Mund öffnete sich, aber es kamen keine Worte heraus.
Amelia fügte hinzu, mehr zu sich selbst als zur Sachbearbeiterin, ein Gelübde, das in die sterile Büroluft geflüstert wurde. „Nie wieder.“
Damit drehte sie sich um und verließ das Standesamt.
Der kalte Novemberwind traf ihr Gesicht, aber er kühlte sie nicht aus. Er weckte sie auf.
Sie zog ihr Handy erneut heraus und scrollte durch ihre Kontakte zu einem Namen, den sie vor sieben Monaten gespeichert hatte. Eine Nummer, die sie nie angerufen hatte.
Sie erinnerte sich an den Mann. Kaysons größter Rivale. Er hatte sie auf einer Gala in die Enge getrieben, seine blauen Augen voller spöttischer Belustigung, und ihr etwas völlig Absurdes gesagt.
Damals hatte sie es als Provokation abgetan, als einen Weg, Kayson zu reizen.
Jetzt war es ihre einzige Option.
Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen, als sie die Anruftaste drückte.
Das Telefon klingelte nur einmal, bevor es angenommen wurde. Eine tiefe, magnetische Stimme durchbrach den Lärm der Stadt.
„Wer ist da?“
Amelia schloss die Augen, holte tief Luft und ließ die Worte herausstürzen, bevor sie den Mut verlieren konnte.
„Herr Thornton, was Sie vor sieben Monaten gesagt haben… gilt das Angebot noch?“
Es folgte eine kurze Stille am anderen Ende, dann ein leises, gefährlich amüsiertes Lachen, das ihr einen Schauer über den Rücken jagte.