Sie wischte sie weg. Darunter warteten ein paar Textnachrichten – leuchtende Blasen der Zuneigung von Freunden aus den Staaten. Sie überflog die Namen. Keiner von ihnen war von Halsey.
Eine vertraute Enge packte ihre Brust, eine kalte Faust schloss sich um ihre Lungen. Sie zwang es nieder, zwang sich zu atmen. Er plante wahrscheinlich eine Überraschung. Das musste er. Nach drei Jahren Ehe konnte er ihren dreißigsten Geburtstag nicht vergessen haben.
Der Fahrer der Familie Donovan hatte sie in Heathrow abgeholt. Er nahm ihre Tasche wortlos entgegen und hielt die Tür des Rolls-Royce offen. Drinnen war das Leder kühl auf ihrer Haut. London zog am Fenster vorbei, ein verschwommener Anblick vertrauten grauen Steins und nasser Straßen. Drei Jahre. Drei Jahre, seit sie ihr Leben, ihre Karriere, ihre ganze Welt zusammengepackt und für ihn hierhergezogen war. Dafür.
Ihre Finger fuhren zu dem Ehering an ihrer linken Hand. Das Platin fühlte sich kalt, schwer an. Ein fester Bestandteil, der nie Wärme erzeugt hatte.
Der Wagen war in die private Auffahrt eingebogen, und sie war in die Festung aus weißem Stein und dunklen Fenstern getreten. Mrs. Peterson empfing sie im großen Eingangsbereich. Ihr freundliches, faltiges Gesicht brach in ein echtes Lächeln aus. „Madam, Sie sind zurück! Alles Gute zum Geburtstag!"
Ein Schimmer echter Wärme berührte Cali. Sie trat vor und umarmte die ältere Frau kurz. „Danke, Mrs. Peterson. Es ist schön, wieder hier zu sein. Sind Halsey und Lily da?"
Die Wärme in Mrs. Petersons Augen erlosch. Sie sah weg und beschäftigte sich damit, Calis Mantel abzunehmen. Die Bewegung war nur ein wenig zu bewusst.
„Sir... er ist weg", sagte sie mit leiser Stimme.
Calis Lächeln erstarrte, fühlte sich spröde auf ihren Lippen an. Sie blickte sich in der großen Eingangshalle um, suchte nach einem Zeichen ihrer Tochter – einem weggeworfenen Haarband, einem kleinen Paar Turnschuhe an der Tür. Doch das Foyer war makellos, still, ohne eine Spur von Halsey oder Lily. „Weg? Heute? Hat er... vergessen?"
Mrs. Peterson sah gequält aus. Sie strich die Revers von Calis Mantel glatt, ihr Blick auf das Kaschmir gerichtet. „Er erinnert sich an Ihren Geburtstag, Madam. Aber... Miss Stephens hat heute auch Geburtstag. Er hat sie mit zur Bond Street genommen, um ein Geschenk auszusuchen."
Brittaney Stephens. Der Name war etwas Körperliches, ein Glassplitter, der unter ihre Rippen glitt. Das war er immer.
Calis Stimme war dünn, kaum ein Flüstern. „Und Lily?"
„Sir und Miss Stephens haben Lily mitgenommen", bestätigte Mrs. Peterson und traf schließlich ihren Blick mit einem Ausdruck tiefen Mitleids.
Die Luft in der weitläufigen Halle schien zu verschwinden. Cali spürte eine Welle von Schwindel und streckte eine Hand aus, um sich an einem Marmorkonsolentisch abzustützen. Der Stein war kalt, unerbittlich.
„Madam, geht es Ihnen gut?" fragte Mrs. Peterson, ihre Stimme von Besorgnis durchzogen. „Sie müssen von Ihrem Flug erschöpft sein. Kann ich Ihnen etwas bringen? Tee?"
Cali schüttelte den Kopf, unfähig, Worte zu formen. „Nein. Danke. Ich... ich gehe nur nach oben. Um mich auszuruhen."
Sie ging die geschwungene Treppe hinauf, jeder Schritt fühlte sich wie eine gewaltige Anstrengung an. Das Hauptschlafzimmer war genau so, wie sie es verlassen hatte. Makellos, unpersönlich und kalt. Es gab kein Zeichen von Halsey. Keine verirrte Krawatte, kein Buch auf dem Nachttisch. Er hatte seit Monaten nicht mehr hier geschlafen.
Sie setzte sich auf den Rand des perfekt gemachten Bettes und blickte auf ihr Spiegelbild im Schminkspiegel. Eine blasse, müde Frau mit Schatten unter den Augen. Sie stieß ein kurzes, bitteres Lachen aus, das keinen Laut von sich gab.
Ihre Hand, die sich von selbst bewegte, nahm ihr Telefon auf. Ihr Daumen schwebte über Halseys Namen. Das war töricht. Erbärmlich. Sie drückte trotzdem auf den Bildschirm.
Das Telefon klingelte, jeder Ton hallte im stillen Raum wider und dehnte sich in eine Ewigkeit. Endlich nahm er ab.
„Was gibt's?" Seine Stimme war kurz angebunden, ungeduldig. Keine Begrüßung. Nur eine Forderung.
Cali schluckte und versuchte, ihre eigene Stimme ruhig zu halten. „Halsey. Ich bin zu Hause."
Eine kurze Stille am anderen Ende. Dann ein flaches, abweisendes „Mm".
Das war's. Das war alles, was sie wert war. Ihr Herz, das ein fester Knoten in ihrer Brust gewesen war, fühlte sich an, als würde es sich in Eiswasser auflösen. Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, irgendetwas, wurde aber von einer hellen, weiblichen Stimme im Hintergrund unterbrochen.
„Halsey, was hältst du von dieser Halskette? Lily sagt, sie ist wunderschön." Es war Brittaney.
Dann die Stimme ihrer eigenen Tochter, hoch und aufgeregt. „Ja, Papa! Tante Brittaney sieht aus wie eine Prinzessin!"
Halseys Aufmerksamkeit war bereits verschwunden. „Ich bin beschäftigt", sagte er ins Telefon. „Ich rufe dich später an."
Er wartete nicht auf eine Antwort. Die Leitung war tot.
Cali hielt das Telefon ans Ohr und lauschte der leeren Stille des Wähltons. Es war das einzige Geräusch im Raum, eine perfekte Entsprechung für das Geräusch ihrer zerbrechenden Welt.
Doch sie weinte nicht.
Sie legte das Telefon langsam ab und blickte die Frau im Spiegel an – blass, müde, vergessen. Dann traf sie eine Entscheidung.
Sie öffnete ihre Kontakte und wählte eine andere Nummer.
„Julian. Ich bin's. Bitte bereite eine Scheidungsvereinbarung vor."
Eine fassungslose Stille am anderen Ende.
„Ich bin sicher", sagte sie, bevor er fragen konnte. „Einfache Bedingungen: Ich verzichte auf alle Ansprüche an eheliche Vermögenswerte. Ich möchte nur meinen Mädchennamen zurück. Außerdem – benachrichtige das KI-Projektteam der Donovan Group. Die exklusive Lizenzvereinbarung für das Deep-Learning-Patent – ich kündige sie. Die Strafe beträgt dreißig Millionen Pfund. Ich werde sie bezahlen."
Julians Atem stockte im Hörer.
Cali beendete den Anruf und legte das Telefon auf den Schminktisch.
Sie blickte die Frau im Spiegel an – diesmal direkt in die Augen – und sah nicht weg.
Alles Gute zum Geburtstag, Cali. Du bist endlich frei.