Sie versuchte sich aufzusetzen, doch ihr Körper weigerte sich zu kooperieren. Er fühlte sich schwer an, falsch. Eine Welle der Übelkeit stieg in ihrem Magen auf. Sie hob eine Hand zum Gesicht, und ihre Finger trafen auf geschwollene Wangen, eine Ansammlung von Unebenheiten auf ihrer Haut. Akne.
Das war nicht ihr Gesicht.
Erinnerungsfragmente prallten auf ihr Bewusstsein, eine Hochgeschwindigkeitskollision zweier völlig unterschiedlicher Leben.
Eliza Solis. Aus dem Wohnwagenpark am Stadtrand. Ihr Bruder, Ricky, hatte ihr gesagt, sie solle zu dieser Party kommen. Er sagte, es sei eine Chance.
Die Erinnerung war schwach, verschwommen, wie ein schlecht aufgenommenes Heimvideo.
Dann durchschnitten andere, kälter und schärfer als ein Eissplitter, den Nebel.
Nyx. Asset Neun. Spezialistin für Nahkampf. Expertin für Infiltration und Datenanalyse. Ziel neutralisiert.
Die beiden Realitäten kämpften in ihrem Schädel. Der Schmerz verstärkte sich, eine physische Manifestation einer Seele, die in zwei gerissen wurde. Sie war Eliza, ein Mädchen, das über 180 Pfund wog und davon träumte, ihrem Leben zu entfliehen. Sie war Nyx, eine Waffe, geschliffen von einer Regierung, die ihre Existenz leugnen würde.
Sie war beides, und es zerbrach sie.
Die Hitze in ihrem Körper baute sich auf, ein chemisches Feuer breitete sich durch ihre Adern aus. Es war nicht nur Verwirrung. Es war eine Droge. Ihr Training, der Nyx-Teil von ihr, schrie die Diagnose heraus. Sie war unter Drogen gesetzt worden.
Ein Geräusch von der anderen Seite des Zimmers. Das Klicken einer Tür.
Sie erstarrte, ihr Körper spannte sich mit einem Instinkt an, den das weiche Fleisch von Eliza Solis nie gekannt hatte.
Die Badezimmertür schwang auf und ließ einen Lichtstreifen in den Raum fallen. Eine Silhouette stand dort, groß und breitschultrig. Er schwankte leicht, eine Hand am Türrahmen abgestützt.
Er war ein Soldat. Die starre Haltung, die sparsamen Bewegungen selbst im beeinträchtigten Zustand – es war unverkennbar.
„Wer zum Teufel bist du?" Seine Stimme war ein tiefes Knurren, dick von demselben Drogennebel, der auch ihren eigenen Geist trübte. „Verschwinde."
Er machte einen Schritt nach vorn. Julian Malone. Der Name tauchte aus Elizas trüben Erinnerungen auf. Der Goldjunge. Sohn einer Dynastie.
Seine Augen, selbst im schwachen Licht, waren unscharf, die Pupillen weit geweitet. Er kämpfte gegen die Droge, das konnte sie sehen. Aber er verlor. Genau wie sie.
Das chemische Feuer in ihr erreichte seinen Höhepunkt. Logik, Vernunft, die kalte Kontrolle von Nyx – alles schmolz dahin und hinterließ nur ein primitives, verzweifeltes Bedürfnis. Es ging nicht um Vergnügen. Es ging ums Überleben, um zwei Ertrinkende, die sich in einem Sturm aneinanderklammerten.
Es war eine Kollision von Körpern in der Dunkelheit, ein verzweifelter, ungeschickter Kampf, angetrieben von einem Gift, gegen das sie nicht ankämpfen konnten.
Die Welt kehrte zurück mit dem Geräusch einer Tür, die aus ihren Angeln splitterte.
Sonnenlicht, grell und unbarmherzig, flutete den Raum. Eine Kakophonie aus Klicks und Blitzen brach los, ein Maschinengewehrsalven-Feuerwerk von Kameras, das jedes Detail ihrer Schande festhielt.
Elizas Kopf pochte. Der Mann neben ihr, Julian, schoss in die Höhe. Der Drogennebel war verschwunden, ersetzt durch eine scharfe, kalte Wut. Er bewegte sich blitzschnell, packte das Seidenlaken und wickelte es um sie, um sie vor den Kameras zu schützen. Seine Berührung war rau, unpersönlich, wie das Hantieren mit einem kontaminierten Beweisstück.
Eine Frau schrie auf. „Julian!"
Beatrice Malone, Julians Mutter, stand im Türrahmen, ihr Gesicht eine Maske aus Entsetzen und Abscheu. Neben ihr sah sein Vater, Harrison, aus, als wäre er aus Stein gemeißelt, sein Ausdruck grimmig.
Hinter ihnen wurde eine kleinere, ängstlichere Gruppe von der Flut der Reporter nach vorne gedrängt. Elizas Eltern. Ihre Mutter, Brenda, hielt sich eine Hand vor den Mund, ihr Gesicht war bleich wie ein Geist. Ihr Bruder, Ricky, war auch da, seine Augen weit aufgerissen.
Julians Blick fegte durch den Raum und erfasste die Reporter, seine Familie, ihre Familie. Seine Augen, jetzt klar und scharf, waren erfüllt von mörderischer Wut. Er verstand. Das war eine Falle. Ein perfekt ausgeführtes Attentat auf seinen Ruf.
Ein älterer Mann mit kerzengeradem Rücken trat vor. Ein pensionierter General, das Oberhaupt des Malone-Clans. Er überblickte die Szene, sein Gesicht war unleserlich. Dann sprach er, seine Stimme dröhnte über das Chaos hinweg.
„Es gibt nur einen Weg, das zu regeln", erklärte er, seine Augen auf Julian gerichtet. „Zum Wohle dieser Familie wirst du sie heiraten."
„Auf keinen Fall!" Beatrices Stimme war giftig. Sie zeigte mit zitterndem Finger auf Eliza. „Wir werden nicht zulassen, dass dieser... dieser Wohnwagenpark-Abschaum unseren Namen beschmutzt! Sie wird ihn ruinieren!"
Ricky, ihr eigener Bruder, wich ihrem Blick aus und murmelte leise, gerade laut genug, dass sie es hören konnte: „Gott, Eliza... Ich sagte dir, das war eine Chance, nicht... nicht das hier. Wie konntest du das so sehr vermasseln?"
Durch all das hindurch blieb Eliza-Nyx stumm. Sie war eine Beobachterin, eine Datenanalystin, die ein katastrophales Versagen der Aufklärung verarbeitete. Der Körper von Eliza Solis war ein Bauer. Und nun war sie diejenige, die das Spiel spielen musste.
Julians Kiefer war eine harte, straffe Linie. Er sah seinen Großvater an, dann die Reporter, deren Kameras immer noch blitzten. Er war gefangen. Ein Skandal dieser Größenordnung würde seine Militärkarriere zum Scheitern bringen, die Milliarden-Dollar-Verteidigungsaufträge gefährden, um die das Unternehmen seiner Familie kämpfte.
Er stellte die Rechnung auf. Die kalte, harte Mathematik der Schadensbegrenzung.
Er drehte den Kopf, und seine Augen trafen ihre. Der Blick darin war reiner, unverfälschter Abscheu. Er sah keine Frau an. Er sah eine Kontamination, die er nun eindämmen musste.
„Gut", stieß er hervor, das Wort scharf genug, um zu schneiden. „Ich werde es tun."
Der General nickte, sein Ausdruck unverändert. „Anwälte werden den Ehevertrag aufsetzen. Die Hochzeit ist in einer Woche."
Das Chaos ebbte in einen angespannten, kontrollierten Rückzug ab. Brenda eilte vorwärts, zog einen Bademantel um Elizas Schultern, ihre Hände zitterten. Sie führte ihre Tochter aus dem Zimmer, durch das Spießrutenlaufen schweigender, urteilender Blicke.
Im Auto war die Stille schwer. Brenda weinte leise, Tränen zogen Spuren über ihre gezeichneten Wangen. Sie griff hinüber und nahm Elizas Hand, ihr Griff überraschend stark.
„Hab keine Angst", flüsterte sie. „Mama ist da."
Eliza sah diese Frau an, diese Fremde, die ihre Mutter war. Sie spürte die Wärme ihrer Hand, sah die echte Angst und Liebe in ihren Augen. Doch innen, wo Nyx wohnte, war nichts. Keine Angst. Keine Dankbarkeit. Nur die kalte, klare Einschätzung einer neuen Realität.
Ein kompromittierter Körper. Eine Zwangsheirat. Eine mächtige, feindselige Familie.
Ihre Mission war einfach.
Überleben.