Sie nahm ihr Telefon vom Tisch. Ihre Finger fühlten sich steif an, die Gelenke schmerzten von der bloßen Anspannung des Wartens. Sie wählte Cornelius' Privatnummer.
Die Leitung klingelte. Einmal. Zweimal. Dreimal. Viermal. Fünfmal.
Dann erfüllte die mechanische, emotionslose Stimme des Anrufbeantworters den stillen Raum.
Cassidy atmete scharf und keuchend ein. Die Luft in ihren Lungen fühlte sich an wie zerbrochenes Glas. Sie öffnete ihre Nachrichten-App und tippte einen einzigen Satz ein, in dem sie fragte, wann er nach Hause kommen würde.
Fast augenblicklich leuchtete der Bildschirm auf. Es war nicht Cornelius. Es war eine Antwort von seiner Chefassistentin.
„Frau Lambert, der Präsident befindet sich derzeit in einer äußerst wichtigen Geschäftsbesprechung und kann nicht gestört werden. Er wird nicht zum Abendessen zu Hause sein."
Cassidy starrte auf den leuchtenden Bildschirm. Das allerletzte, erbärmliche Fünkchen Hoffnung in ihrer Brust flackerte und erlosch und hinterließ eine hohle, eiskalte Leere.
Sie stand auf. Die Holzbeine ihres Esszimmerstuhls kratzten heftig über den polierten Marmorboden, das Kreischen hallte wie ein Schrei in dem leeren Penthouse wider.
Ohne ein Wort zu sagen, nahm Cassidy den Teller mit dem kalten Beef Wellington. Sie ging direkt in die makellose, hochmoderne Küche.
Sie zögerte nicht. Sie kippte den Teller über den Rand des Edelstahlmülleimers und sah zu, wie die teuren Zutaten mit einem feuchten, schweren Aufprall in den Müll rutschten.
Die Stille in der Wohnung kehrte zurück und drückte gegen ihre Trommelfelle. Es war ein physisches Gewicht. Es erstickte sie. Ihr Hals zog sich zusammen, und sie verspürte ein verzweifeltes, ursprüngliches Bedürfnis nach Sauerstoff.
Sie ging zum Eingangsbereich und nahm ihren schlichten beigefarbenen Trenchcoat, den sie fest über das dünne, teure Seidenunterkleid zog, das sie nur für ihn getragen hatte.
Cassidy stieß die schwere Haustür auf, trat in den privaten Aufzug und drückte den Knopf für die Lobby im Erdgeschoss.
In dem Moment, als sie das Gebäude verließ, peitschte der beißende Herbstwind Manhattans die Fifth Avenue hinunter und schnitt ihr heftig in den Mantelkragen.
Sie zog die Revers enger über ihre Brust und begann zu gehen. Sie hatte kein Ziel. Sie setzte einfach einen Fuß vor den anderen und ließ die blendenden Neonlichter und das Dröhnen des Stadtverkehrs über ihren tauben Geist hereinbrechen.
Sie ging, bis ihre Füße schmerzten. Schließlich blieb sie an einer Straßenecke stehen, direkt vor den riesigen, vom Boden bis zur Decke reichenden Fenstern eines französischen Drei-Sterne-Michelin-Restaurants.
Durch das makellose Glas fiel ihr ein bekanntes Profil auf.
Cassidy erstarrte. Ihre Pupillen zogen sich scharf zusammen, ihr Atem stockte in ihrer Kehle.
Am besten VIP-Tisch am Fenster saß Cornelius. Der Mann, der angeblich in einer wichtigen, unumgänglichen Geschäftsbesprechung feststeckte.
Direkt neben ihm saß ihr siebenjähriger Sohn, Benny. Der Junge lachte und löffelte vergnügt einen riesigen Schokoladen-Eisbecher.
Und direkt gegenüber von Cornelius saß Halle Moss. Seine Jugendliebe.
Cassidy stand regungslos in den Schatten der Straßenecke. Der krasse Kontrast zwischen dem eisigen Wind draußen und dem warmen, goldenen Licht, das aus dem Restaurant strömte, ließ ihren Magen rebellieren.
Halle beugte sich vor, ihr Ausdruck war widerlich zärtlich, und wischte mit einer frischen weißen Serviette sanft einen Schokoladensoßenfleck von Bennys Mundwinkel.
Cornelius beobachtete sie. Ein schwaches, unleserliches Lächeln spielte auf seinen Lippen, eines, das seine kalten Augen nicht ganz erreichte.
Es war ein Lächeln, das Cassidy seit sieben Jahren nicht mehr gesehen hatte.
Die Seitentür des Restaurants stand ein paar Zentimeter offen zur Belüftung. Über dem Summen der Stadt drang Bennys klare, hohe Stimme in die kalte Luft.
„Mama ist zu langweilig", sagte Benny laut und schwang die Beine. „Ich wünschte, Tante Halle wäre meine richtige Mama."
Cassidys Herz blieb stehen. Es fühlte sich an, als hätte eine unsichtbare, massive Hand in ihre Brust gegriffen und das Organ zu einem blutigen Brei zerquetscht.
Cornelius tadelte den Jungen nicht. Er verteidigte seine Frau nicht. Stattdessen vertiefte sich sein Lächeln, und er griff aus, um Bennys Haare liebevoll zu zerzausen, wobei er den grausamen Kommentar völlig duldete.
Eine Welle aus reinem, eisigem Eis schoss von Cassidys Fußsohlen direkt in ihr Gehirn.
Sie machte einen langsamen, unsicheren Schritt zurück und ließ sich von den tiefen Schatten der Manhattener Straßenecke ganz verschlucken.