Ihre Nummer.
Evangelina stockte der Atem. Um sie herum lachten Paare und lehnten sich aneinander, ihre Freude schnitt scharfe Kanten in ihre Einsamkeit. Trotzdem ging sie auf den Schalter zu, ihre Absätze klickten mit der Präzision eines Metronoms auf dem Boden des städtischen Gebäudes.
„Könnte ich noch fünf Minuten haben?" Das Lächeln, das sie dem Angestellten schenkte, fühlte sich an, als könnte es ihr Gesicht zerbrechen lassen. „Mein Verlobter steckt im Verkehr fest."
Die Augen des Angestellten wurden weich vor Mitleid. „Selbstverständlich, Ma'am. Ich halte Ihren Platz frei."
Evangelinas Handy vibrierte in ihrer Birkin-Tasche, ein leises, eindringliches Summen an ihrer Hüfte. Sie kramte danach, ihre Finger ungeschickt, und sah den Namen über den Bildschirm blitzen.
Darrien.
Sie nahm ab, bevor das zweite Klingeln verklungen war.
„Wo bist du?" Ihre Stimme klang fester, als sie sich fühlte.
Rauschen. Dann drangen die Hintergrundgeräusche durch – piepende Monitore, hastige Schritte, das besondere Chaos einer Notaufnahme in Manhattan.
Evangelinas Herz sank ihr bis in den Hals.
„Evangelina." Darriens Tonfall hatte jene geübte Geduld, die ihr immer das Gefühl gab, ein tobendes Kind zu sein. „Ich schaffe es nicht. Jenelle hat eine schwere Panikattacke. Ich bin mit ihr im Mount Sinai."
„Heute." Das Wort kratzte sich aus ihr heraus. „Darrien, heute ist doch-"
„Ich weiß, welcher Tag heute ist." Seine Stimme wurde schärfer, jene Klinge der Herablassung, der sie gelernt hatte auszuweichen. „Aber meine Schwester ist in einer Krise. Ich dachte, du würdest das verstehen. Ich dachte, du hättest Mitgefühl."
Evangelinas Finger wurden kalt um das Telefon. Sie öffnete den Mund, um ihn daran zu erinnern, dass Jenelle nicht seine Schwester war, dass sie seit genau elf Monaten seine Stiefschwester war, dass sie seit fünf Jahren verlobt waren und dies ihr Termin war, um die Ehe amtlich zu machen –
„Du beziehst das wieder auf dich", unterbrach Darrien sie. „Schon wieder. Vielleicht solltest du diese Zeit nutzen, um darüber nachzudenken, warum bei dir immer alles so ein Theater sein muss."
Die Stimme einer Krankenschwester drang durch die Hintergrundgeräusche und rief nach den Angehörigen eines Patienten in Box vier.
„Ich muss los", sagte Darrien. „Wir reden, wenn du dich beruhigt hast."
Die Leitung war tot.
Der Wählton bohrte sich in Evangelinas Ohr, ein mechanischer Schrei, der dem Klingeln in ihrem Schädel entsprach. Sie stand wie erstarrt am Schalter, das besorgte Gesicht des Angestellten verschwamm an den Rändern.
Jemand stieß gegen ihre Schulter. Hart.
„Entschuldigung – tut mir so leid –" Ein junger Mann, der die Hand seiner frisch angetrauten Frau hielt, sein Gesicht gerötet von Entschuldigung, Champagner und Glück.
Evangelina nickte. Sie konnte nicht sprechen.
Sie drehte sich um. Ihre Absätze schlugen auf Marmor. Jeder Schritt hallte wider wie etwas, das zerbrach.
Ihr Handy summte erneut. Eine Benachrichtigung von Jenelle Hobbs. Eine Videodatei.
Evangelina ging in die Ecke der Halle, hinter eine der kannelierten römischen Säulen, und drückte auf Play.
Der Bildschirm füllte sich mit weißem Krankenhauslicht. Jenelle lag an aufgestützte Kissen gelehnt, ihre Wangen rosig, ihre Augen strahlend. Kein Schweiß. Kein Zittern. Hinter ihr war Darriens Rücken zugewandt, als er Wasser aus einem Plastikkrug goss.
Jenelle blickte direkt in die Kamera.
Ihre Lippen bewegten sich lautlos und formten drei deutliche Worte.
Du. Hast. Verloren.
Das Video brach ab, als Darrien sich umdrehte, sein Gesicht weich vor Sorge.
Evangelinas Rückgrat wurde steif. Eis durchflutete ihre Wirbel und stieg zu ihrem Schädel auf.
Fünf Jahre. Fünf Jahre nächtlicher Überarbeitungen für die Markenkampagnen von Avery Lifestyle. Fünf Jahre, in denen sie Darriens öffentliche Fauxpas vertuschte, die Wogen bei seinem Vater glättete und zusah, wie Jenelle bei Firmenveranstaltungen in Kleidern erschien, die Evangelina in ihre privaten Notizbücher skizziert hatte.
Das Brennen hinter ihren Augen drohte überzulaufen.
Evangelina schloss sie. Sie atmete durch die Nase, zählte von zehn rückwärts, und als sie die Augen wieder öffnete, hatte sich die Hitze zu etwas Scharfem und Kaltem kristallisiert.
Sie öffnete ihre Kontakte. Fand Darriens Namen. Ihr Daumen schwebte über dem Blockieren-Button, jenem letzten roten Symbol, das mit einem einzigen Druck fünf Jahre auslöschen würde.
Ihr Daumen senkte sich.
Kontakt löschen. Nummer blockieren.
Weg.
Sie öffnete ihre Arbeits-E-Mails. Verfasste eine Nachricht an die Rechtsabteilung, Betreff: Sofortiger Widerruf der Lizenzierung von persönlichem geistigem Eigentum. Ihre Finger flogen über den Bildschirm und listeten jedes Patent, jede Marke, jedes Design auf, dessen Nutzung sie Avery Lifestyle unter der Annahme gestattet hatte, dass sie eines Tages zur Familie gehören würde.
Der Sicherheitsmann näherte sich, seine Stiefel quietschten auf dem Boden. „Ma'am? Alles in Ordnung?"
Evangelina richtete sich auf. Sie begegnete seinem Blick mit absoluter Regungslosigkeit.
„Mir geht es gut. Danke."
Sie ließ ihr Handy in ihre Tasche fallen. Die Bewegung war sauber, entschlossen, als würde sie einen Mantel abstreifen, der nie richtig gepasst hatte.
Die zerknüllte Wartemarke war noch immer in ihrer Faust. Evangelina ging zum Mülleimer neben dem Ausgang. Sie zögerte nicht. Sie zerriss das Papier in der Mitte, dann in Viertel, dann in Achtel und ließ die Stücke wie Konfetti in den Eimer fallen.
Sie rückte ihren Trenchcoat zurecht. Ihre Hand fand den Messinggriff der Drehtür.
Und hielt inne.
Jemand beobachtete sie.
In ihrem peripheren Sichtfeld, im Sitzbereich auf der anderen Seite der Halle, saß ein Mann mit über den Knöcheln gekreuzten Beinen. Dunkelgrauer Anzug. Savile-Row-Schnitt. Seine Augen hatten die Farbe von Gewitterwolken, und sie waren mit der fokussierten Intensität eines Raubtiers, das die Entfernung abschätzt, auf sie gerichtet.
Ihre Blicke trafen sich.
Evangelinas Herz setzte einen Schlag aus. Etwas Ursprüngliches in ihrem Stammhirn schrie Gefahr, schrie lauf, obwohl ihre Füße wie angewurzelt auf dem Marmor standen.
Der Mann wandte den Blick nicht ab.