In jener Nacht versuchte sie, Brendan von ihrer College-Zulassung zu erzählen, doch seine Verlobte Chloie Ellis unterbrach sie mit einem fröhlichen Anruf, und die zärtlichen Worte, die Brendan an Chloie richtete, bohrten sich wie ein Messer in Jaydes Herz. Sie erinnerte sich daran, wie seine Zärtlichkeit einst nur ihr allein gehört hatte, wie er sie beschützt hatte und wie sie ihm in einem Tagebuch und einem Liebesbrief ihr Herz ausgeschüttet hatte — doch er war explodiert, hatte den Brief zerrissen und gebrüllt: „Ich bin dein Bruder!“
Er war hinausgestürmt und hatte sie zurückgelassen, sodass sie die zerrissenen Stücke mühsam wieder zusammenklebte. Ihre Liebe jedoch starb nicht, nicht einmal, als er Chloie mit nach Hause brachte und ihr sagte, sie solle sie „Schwägerin“ nennen.
Jetzt verstand sie. Sie musste dieses Feuer selbst ersticken. Sie musste Brendan aus ihrem Herzen reißen.
Achtzehn Tage.
So lange war es her, seit Jayde Rosario den Entschluss gefasst hatte, Brendan Maynard endgültig aufzugeben.
Heute schnitt sie ihr taillenlanges Haar ab.
Stumm stand sie vor dem Spiegel.
Sie zündete sich ihre erste Zigarette an.
Der Rauch kräuselte sich um ihre zitternden Finger.
Der Geschmack auf ihrer Zunge war aschfahl und bitter.
In dieser Nacht rief sie ihren Vater an, der am anderen Ende des Landes lebte.
„Papa, ich bin an der UC Berkeley angenommen worden.“
Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
„Ich möchte nach Kalifornien ziehen. Ich will wieder bei dir sein.“
Farrell Conner klang am anderen Ende der Leitung völlig überrumpelt.
„Nach der Scheidung von deiner Mutter habe ich mir hier ein neues Leben aufgebaut. Ich habe dich so oft gebeten, als Austauschschülerin zu mir zu kommen.“
Er machte eine Pause.
„Aber du wolltest immer unbedingt bei deinem Stiefbruder Brendan bleiben. Woher dieser plötzliche Sinneswandel?“
Jayde senkte den Blick.
Ihre Augen waren rot und verquollen vom vielen Weinen.
Sie zwang sich zu einem leisen, fast schon leblosen Lachen.
„Manche Wege muss man bis zum bitteren Ende gehen, um zu begreifen, dass sie in eine Sackgasse führen.“
Sie hielt inne.
Ihre Stimme zitterte unkontrolliert.
„Brendan wird heiraten. Es gehört sich einfach nicht mehr für mich, als seine nicht blutsverwandte Schwester, mich an ihn zu klammern.“
Ihr Vater seufzte schwer.
Sein Tonfall war voller tiefem Mitgefühl.
„Es ist gut, dass du endlich zur Vernunft gekommen bist. Deine Mutter und Herr Maynard reisen ununterbrochen um die Welt und haben dich all die Jahre bei Brendan abgeladen.“
Er klang nun entschlossener.
„Du bist jetzt erwachsen. Es wird Zeit, dass du zu mir ziehst. Du kannst hier studieren und lernen, wie man das Unternehmen leitet.“
„In Ordnung“, antwortete Jayde leise und legte auf.
Auf dem dunklen Display ihres Handys spiegelten sich ihre verweinten Augen wider.
Sie ging ins Badezimmer und spritzte sich eiskaltes Wasser ins Gesicht.
Ihr blieben noch genau zwei Wochen, bis sie nach Berkeley aufbrechen würde.
Sie musste sich zusammenreißen.
Sie durfte keine Schwäche mehr zeigen.
Als sie den Flur entlangging, sah sie den Lichtschein unter der Tür des Arbeitszimmers.
Sie zögerte einen quälenden Moment lang.
Dann öffnete sie die digitale Zulassungsbestätigung auf ihrem Handy und klopfte an.
Dreimal kurz.
Drinnen saß Brendan Maynard an seinem massiven Schreibtisch.
Er trug dunkelblaue Seidenhauskleidung, die seine kühle Ausstrahlung noch unterstrich.
Eine goldgerahmte Brille saß auf seiner markanten Nase.
Er wirkte unnahbar, elegant und von eiserner Disziplin, während seine Finger über die Tastatur flogen.
„Brendan“, sagte Jayde mit sanfter Stimme.
Dieser Mann war ihr Stiefbruder.
Und er war die große, heimliche und alles verzehrende Liebe ihrer gesamten Jugend gewesen.
Brendan hob den Blick vom Bildschirm.
Seine Augenbrauen zogen sich zu einem genervten Runzeln zusammen.
„Gibt es ein Problem?“
Jayde presste die Lippen aufeinander und rang nach Worten.
„Die Zulassungsergebnisse für das College sind da...“
Doch bevor sie den Satz beenden konnte, zerriss ein schriller, verspielter Klingelton die Stille des Raumes.
„Schatz, geh ans Telefon~“
Brendans kühle Miene verschwand im Bruchteil einer Sekunde.
Er nahm das Handy auf.
Ein unendlich weiches, liebevolles Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, als er die Stimme am anderen Ende hörte.
„Chloie, du kannst alles direkt mit dem Hochzeitsplaner besprechen.“
Seine Stimme war so zärtlich, dass es wehtat.
„Sag ihnen einfach, welche Designs du dir wünschst. Vergiss nicht, Geld spielt absolut keine Rolle.“
Eine erstickende, ätzende Bitterkeit stieg in Jaydes Brust auf.
Sie schnürte ihr die Kehle zu.
Früher hatte Brendans Zärtlichkeit ganz allein ihr gehört.
Als sie acht Jahre alt war, hatte ihre Mutter nach der erneuten Heirat sie in das Anwesen der Maynards gebracht.
Sie hatte völlig verloren und verängstigt in der riesigen Villa gestanden.
Der junge Brendan, gekleidet in seine makellose Schuluniform im britischen Stil, war auf sie zugekommen.
Er hatte sanft ihre kleine Hand genommen.
„Kleines Mädchen, ich bin jetzt dein Bruder“, hatte er gesagt.
Als sie zehn war, fürchtete sie sich schrecklich vor der Dunkelheit.
Brendan hatte heimlich sein gesamtes Taschengeld gespart, um ihr ein Totoro-Nachtlicht zu kaufen.
„Du musst keine Angst haben“, hatte er ihr versprochen.
„Ich werde dich immer beschützen, genau wie Totoro die kleine Mei beschützt.“
Während ihrer gesamten Jugend war Brendan die strahlende Sonne in ihrer kleinen Welt gewesen.
Sie wusste nicht, wie sie ihm ihre tiefen Gefühle gestehen sollte.
Also vertraute sie ihre heimliche Liebe einem Tagebuch an, Seite um Seite, Wort für Wort.
Dann, an ihrem siebzehnten Geburtstag, kurz vor Brendans College-Abschluss, riskierte sie alles.
Sie überreichte ihm das Tagebuch voller Sehnsucht und einen Liebesbrief, in dem sie ihm ihr ganzes Herz ausschüttete.
An diesem Tag war Brendan vor Wut förmlich explodiert.
Er schlug die Geschenkbox brutal aus ihrer Hand.
Der Inhalt verteilte sich krachend auf dem Boden.
„Jayde Rosario, bist du eigentlich krank im Kopf? Ich bin dein Bruder!“, hatte er sie wutentbrannt angebrüllt.
Doch sie war stur geblieben, blind vor Liebe.
„Wir sind nicht blutsverwandt! Du bist nicht mein echter Bruder! Du hast mich all die Jahre verwöhnt, mich beschützt und dich um mich gekümmert. Ist es da nicht völlig normal, dass ich mich unsterblich in dich verliebe?“
Ihre Verzweiflung stieß auf eiskalte Grausamkeit.
Ohne mit der Wimper zu zucken, zerriss er ihren Liebesbrief in winzige Fetzen.
„Ich wusste, dass du irgendwann so eine Dummheit begehen würdest! Ich hätte mich all die Jahre niemals mit dir abgeben dürfen! Du bist ja nicht einmal in der Lage, familiäre Zuneigung von romantischer Liebe zu unterscheiden!“
Er stürmte an jenem Tag aus dem Haus, ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen.
Jayde brach weinend zusammen.
Schluchzend sammelte sie die zerrissenen Papierschnipsel vom Boden auf.
Sie trug sie in ihr Zimmer und klebte sie in stundenlanger, qualvoller Arbeit wieder zusammen.
Doch der Brief blieb für immer gezeichnet, ein erbärmliches Flickwerk ihrer zerstörten Hoffnungen.
Selbst dieses demütigende Geständnis hatte ihre Liebe zu ihm nicht auslöschen können.
Sie lernte nur noch härter.
Sie war fest entschlossen, an dieselbe Universität zu gehen wie er, nur um in seiner Nähe bleiben zu können.
Doch an dem Tag, als sie ihren Highschool-Abschluss feierte, brachte Brendan eine Frau namens Chloie Ellis mit nach Hause.
„Jayde, nenn sie ab heute Schwägerin“, hatte er kühl verlangt.
In jener Nacht weinte Jayde, bis ihr die Luft wegblieb und ihre Lungen brannten.
Endlich begriff sie die grausame Wahrheit.
All die unzähligen, qualvollen Schritte, die sie auf ihn zugegangen war, bedeuteten ihm absolut nichts.
Sie und Brendan würden für immer nur Geschwister sein.
Es gab keine andere Möglichkeit. Niemals.
Die lodernde Liebe, die jahrelang in ihr gebrannt hatte, fühlte sich jetzt an wie ein verheerendes Feuer, das sie bei lebendigem Leib zu Asche verbrennen wollte.
Jetzt sah sie endlich klar.
Sie musste dieses Feuer mit ihren eigenen Händen ersticken.
Sie musste Brendan endgültig und ohne Rücksicht aus ihrem Herzen reißen.