Tränen liefen ihr über das Gesicht, als sie erstickt hervorbrachte: „Nicolas, denk nicht an mich. Rette Ashley. Sie ist deine Frau. Zu wissen, dass du glücklich bist, reicht mir schon. Ich könnte jetzt sterben und wäre in Frieden.“
Ihr gegenüber bot Ashley Dunn einen weitaus grausameren Anblick: ihr Körper blutüberströmt, ihre Atmung schwach, und ihr Geist zerstreut nach Tagen unerbittlicher Folter.
Seit sie und Caroline zusammen entführt worden waren, war Nicolas gezwungen worden, jeden Tag eine von ihnen auszuwählen, die leiden sollte.
Vor drei Tagen, um Caroline zu schützen, hatte er Ashley gewählt und zugesehen, wie die Entführer ihr einen Fingernagel nach dem anderen ausrissen.
Vor zwei Tagen hatte er, wieder um Caroline zu verschonen, Ashley gewählt und zugesehen, wie sie ihr Gesicht zerstörten.
Am Tag zuvor hatte er, noch einmal für Carolines Sicherheit, Ashley gewählt und zugesehen, wie sie ihre Beine zerschmetterten.
Ashley nahm ihre letzte Kraft zusammen, zwang ihren Kopf nach oben und blickte zu dem Mann auf, den sie zehn lange Jahre geliebt hatte, während sie sich immer noch an die verzweifelte Hoffnung klammerte, dass er sich an die fünf Jahre erinnern würde, die sie als Ehemann und Ehefrau geteilt hatten.
Doch Nicolas würdigte sie nicht eines einzigen Blickes.
„Ich wähle Caroline“, stieß er ohne Zögern hervor, „lass sie gehen. Sofort.“
Ein heftiges Zittern überlief Ashleys aufgesprungene Lippen. Tage der Folter hatten ihre Stimme zerfetzt, bis sie nur noch heiser und gebrochen klang: „Nicolas, warum?“
Nichts daran ergab für sie einen Sinn. Sie war seine Frau, warum also sah er so entschlossen aus, sie in den Tod zu schicken?
Endlich richtete Nicolas seinen Blick auf sie, und in seinen Augen lag nichts als eisiger Abscheu und unverhohlene Verachtung.
„Warum?“, wiederholte er mit scharfer Stimme, „Ashley, weil du schon immer auf Caroline eifersüchtig warst. Zwei ganze Jahre lang hast du immer wieder Wege gefunden, ihr nachzustellen. Soweit ich weiß, bist du diejenige, die diese Entführung arrangiert hat. Wenn es für dich eine Art verdrehtes Spiel ist, dein eigenes Leben aufs Spiel zu setzen, dann gut, betrachte das als deine Bezahlung für alles, was du ihr schuldest.“
Verzweifelt schüttelte Ashley immer wieder den Kopf, und Tränen verschwammen ihr geschundenes Gesicht. „Ich war's nicht. Ich war's wirklich nicht!“
Doch Nicolas weigerte sich, zuzuhören.
Ohne einen weiteren Blick auf sie zu werfen, trat er vor, nahm Caroline in dem Moment, als ihre Fesseln gelöst wurden, und zog sie fest an seine Brust.
An seine Brust geschmiegt, weinte Caroline in leisen, zitternden Schluchzern, die sie noch zarter und gekränkter erscheinen ließen.
Doch in dem Augenblick, als Nicolas' Blick abwandte, neigte sie ihr Gesicht gerade so weit, dass sie Ashleys Blick auffing, und schenkte ihr ein selbstgefälliges und siegreiches Lächeln.
Mit langsamer, bedächtiger Präzision formten ihre Lippen die Worte: „Du hast schon wieder verloren.“
Die Bedeutung traf Ashley wie ein vernichtender Schlag, und in dieser brutalen Sekunde verstand sie, dass dies ein weiteres von Carolines sorgfältig inszenierten Ränkespielen gewesen war.
„Nein ...“
Ein heiserer, gebrochener Laut entrang sich Ashleys Kehle, als sie darum kämpfte, Nicolas die Wahrheit zu sagen.
Am Ende würdigte Nicolas sie eines letzten Blickes.
Doch in seinen Augen war keine Spur von Gnade, nur nackter Abscheu und kaltblütiger Widerwille.
„Haben Sie nicht gesagt, nur eine von ihnen würde hier lebend rauskommen?“, bemerkte er unnahbar, „ich habe mich bereits für Caroline entschieden. Was die andere angeht, machen Sie mit ihr, was zur Hölle Sie wollen.“
Noch während Ashley in die aufgewühlte See geschleudert wurde, drang Carolines zittrige Stimme schwach vom Dock hinter ihr her.
„Nicolas, du hättest mich nicht wählen sollen. Ashley ist deine Frau, und wenn sie meinetwegen wirklich stirbt, werde ich nie damit leben können.“
Nicht ein einziges Mal drehte Nicolas sich um. Er hielt Caroline einfach an seine Brust gedrückt und murmelte leise tröstende Worte in ihr Haar.
„Das hat sie dir geschuldet. Selbst wenn sie stirbt, hat sie es sich selbst zuzuschreiben.“
Als das eiskalte Meerwasser sie ganz verschlang, schwoll der Hass in Ashleys Herz bis ins Unermessliche an.
Das war also der Mann, den sie gewählt hatte, derjenige, an den sie sich geklammert hatte, selbst nachdem sie jede Verbindung zu ihrem Großvater und ihren drei älteren Brüdern abgebrochen hatte. Das war der Mann, für den sie ihre Träume geopfert hatte, derjenige, den sie mit rücksichtsloser Hingabe geliebt und dem sie zehn lange Jahre zur Seite gestanden hatte.
Während der Tod sie umschloss, brannte ein einziger Gedanke durch die Dunkelheit in ihrem Kopf. Wenn der Himmel ihr jemals ein zweites Leben schenken würde, würde sie beide für jede einzelne verdammte Sache bezahlen lassen!
...
Ein wütendes Brüllen explodierte neben ihrem Ohr wie ein plötzlicher Donnerschlag.
„Ashley! Wie lange willst du hier noch liegen und dich tot stellen?“
Erschrocken riss Ashley die Augen auf und sog hektisch und verzweifelt nach Luft.
Da gab es kein eiskaltes Meerwasser, keine erdrückende Todesangst vor dem Ertrinken, sondern nur den vertrauten Hauch von Zedernholz-Parfüm, der ihre Brust erfüllte.
Vor ihr stand Nicolas, sein Gesicht sturmverdunkelt vor Wut, seine Augen lodernd. „Ashley, ich weiß, dass du schon immer auf Caroline eifersüchtig warst. Seit sie zurück ist, machst du ihr bei jeder Gelegenheit das Leben zur Hölle. Aber ich hätte nie gedacht, dass du so tief sinken würdest. Du hast tatsächlich ihr Essen vergiftet.“
Der Schock lähmte Ashley.
Ihr Essen vergiftet?
Diese Szene und diese Worte?
Sie war zwei Jahre zurückgereist, zurück zu dem Tag, an dem Caroline ihr zum ersten Mal eine Falle gestellt hatte, indem sie behauptete, Ashley hätte sie vergiftet.