Seit sechs Jahren, seit sie Toby Fuller geheiratet hatte, hörte Sonia immer wieder denselben Vorwurf. In Jeans Augen war sie nichts weiter als eine nutzlose Ehefrau, eine unfruchtbare und müßige Frau. Niemand jedoch hatte sich je gefragt, warum diese Ehe ohne jede Intimität geblieben war oder warum Toby sie niemals berührt hatte.
- Beeil dich! rief eine jüngere, ungeduldige Stimme. Hilf mir mit meiner Tasche, ich komme zu spät zur Schule!
Tyler, der Jüngste der Familie, besaß die grausame Energie eines Teenagers. Sehr schnell hatte er begonnen, sich über Sonias Anwesenheit lustig zu machen und sie als wehrloses Ziel zu betrachten. Jeder Tag bot ihm eine neue Gelegenheit, sie noch weiter zu demütigen.
Ohne zu antworten, erhob sich Sonia. Mechanisch ging sie die Treppe hinunter, betrat die Küche, schaltete die Herdplatten wieder ein, überprüfte die Speisen und sammelte dann Tylers Schultasche und die Lunchboxen mit präzisen, fast leblosen Bewegungen ein.
- Mama, es ist fertig, sagte sie schließlich mit neutraler Stimme.
Dieser gefühllose Ton brachte Jean zur Weißglut. Sie stellte ihr Glas Wasser mit einem harten Schlag auf den Tisch.
- Was für eine Unverschämtheit! empörte sie sich. Du lebst von dem Geld meines Sohnes, unter seinem Dach, und wagst es, mich anzusehen, als wäre ich hier zu viel? Soll ich Toby sofort anrufen, damit er dich verstößt?
Der Teller in Sonias Händen vibrierte leicht. Sie atmete langsam ein und zwang ihre Gesichtszüge, weicher zu werden.
- Ich respektiere Sie durchaus, antwortete sie ruhig.
Jean lachte höhnisch, ungläubig.
- Mach dir nichts vor. Selbst wenn die Großmutter dich damals unterstützt hat, macht dich das noch lange nicht zu einer echten Mrs. Fuller. Du wirst niemals an Tina heranreichen.
Beim Klang dieses Namens wich Sonia das Blut aus dem Gesicht. Tyler, entzückt über die Wirkung, mischte sich sofort ein:
- Weißt du es eigentlich oder nicht? Tina kommt bald aus dem Krankenhaus.
Dann fügte er mit einem spöttischen Lächeln hinzu:
- Mein Bruder wird sie hierherbringen. Sie wird bei uns wohnen.
Sonias Finger krampften sich um den Rand des Tisches. Jean wandte sich mit Verachtung ab.
- Hör auf, dich als Opfer darzustellen. Deine Anwesenheit macht mich krank. Verschwinde von hier.
Ohne zu protestieren, verließ Sonia den Raum. Sie ging wieder nach oben und fand sich auf dem Sofa wieder, einem jämmerlichen Zufluchtsort. Das Haus schien plötzlich noch kälter zu sein.
Bei Einbruch der Nacht zog das gedämpfte Geräusch eines Motors ihre Aufmerksamkeit auf sich. Eine schwarze Maybach war vor dem Haus zum Stehen gekommen. Sonia sprang auf und trat auf den Balkon. Ein Mann in einem dunklen Anzug stieg aus dem Wagen. Seine Gestalt war schlank, seine Gesichtszüge makellos, von beinahe unwirklicher Schönheit. Er hätte für einen Filmstar gehalten werden können, doch seine eisige Ausstrahlung hielt jede Bewunderung auf Abstand.
Er hob den Blick und traf Sonias Augen. Keine Regung war darin zu erkennen. Sie kannte diesen leeren Ausdruck zu gut, um überrascht zu sein. Dennoch zuckten ihre Lippen leicht, ohne sich zu einem Lächeln zu formen.
Drinnen bereitete sie wie jeden Abend Tobys Bad vor. Das Wasser lief bereits, als ihre Stimme die Stille durchbrach.
- Großmutter ist noch im Tempel, sagte sie vorsichtig. Sie hat heute angerufen... sie betet für dich, für deine Sicherheit.
- Sonia, unterbrach Toby sie.
Sie drehte sich um. Er sah sie mit jener distanzierten Kälte an, die sie niemals hatte durchbrechen können.
- Tina kommt morgen zurück, erklärte er ohne Umschweife. Du packst deine Sachen und gehst.
Diese Worte trafen sie wie ein Sturz ins Leere. Also war alles bereits entschieden.
- Und wenn ich mich weigere? flüsterte sie.
Ihre Stimme war sanft, fast unwirklich. Toby runzelte die Stirn. Er war von ihr keinerlei Widerstand gewohnt.
- Du erinnerst dich sehr gut, warum ich zugestimmt habe, dich zu heiraten, sagte er schroff.
Wie könnte sie das vergessen? Vor sechs Jahren war Tina Opfer eines schweren Autounfalls geworden. Sonia hatte den Notruf gewählt, immer wieder ihr seltenes Blut gespendet und war bis zur völligen Erschöpfung im Krankenhaus geblieben. Aus Dankbarkeit hatte Toby ihr versprochen, ihr einen Wunsch zu erfüllen, nur einen einzigen.
An jenem Tag hatte sie die Worte ausgesprochen, die sie seit ihrer Begegnung in der Schulzeit in sich getragen hatte: Sie wollte seine Frau werden.
Im Badezimmer übertönte das Rauschen des Wassers das hektische Schlagen ihres Herzens. Sonia senkte den Blick.
- Gut, sagte sie schließlich. Ich werde morgen gehen.
Toby antwortete nicht. Er wandte sich ab, als sei die Angelegenheit bereits abgeschlossen.
Sonia blieb allein zurück, ihrem blassen Spiegelbild gegenüber, im Bewusstsein, dass das Versprechen, das ihre Verbindung besiegelt hatte, nun sein Ende erreicht hatte.