Schmerz blühte hinter ihren Augen auf, heiß und weiß. Sie blinzelte, versuchte, den Schleier zu lichten, aber eine warme, klebrige Flüssigkeit rann ihr bereits die Schläfe hinab und brannte in ihrem Auge. Sie griff nach oben, ihre Finger kamen nass und dunkel im blinkenden Licht des Armaturenbretts zurück.
Blut.
Panik, kalt und scharf, durchbohrte den Schock. Sie brauchte Hilfe. Sie brauchte Sicherheit.
Ihre Hand, die so heftig zitterte, dass sie sie kaum kontrollieren konnte, tastete auf dem Beifahrersitz nach ihrem Handy. Der Bildschirm war gesprungen, ein Spinnennetz aus Glas über dem Hintergrundbild, das sie vor drei Jahren eingestellt hatte – ein Foto von ihr und Clive auf ihrer Hochzeitsreise in Bora Bora. Er lächelte auf dem Bild nicht, aber sie schon.
Sie drückte die Kurzwahltaste für „Ehemann".
Es klingelte. Einmal. Zweimal. Dreimal.
Der Klang des Freizeichens war eine Rettungsleine, ein dünner Faden, der sie mit der einzigen Person verband, die sie eigentlich beschützen sollte.
Die Verbindung wurde getrennt.
Analia starrte auf den Bildschirm, ihr Herz setzte einen Schlag aus. Er musste den falschen Knopf gedrückt haben. Oder vielleicht war der Empfang im Sturm schlecht. Ihre Brust zog sich zusammen und schnürte ihr die Luft ab. Sie wählte erneut.
Diesmal wurde der Anruf nach dem zweiten Klingeln entgegengenommen.
„Mrs. Wilson", sagte eine Stimme. Es war nicht Clive. Sie war geschmeidig, professionell und absolut unbeteiligt. Liam, Clives persönlicher Assistent.
„Liam", krächzte Analia. Ihre Stimme war ein gebrochenes Krächzen. Sie hustete und schmeckte Kupfer. „Liam, geben Sie mir Clive. Bitte."
„Mr. Wilson befindet sich derzeit in einer Nachbesprechung bezüglich der PR-Krise", sagte Liam. Er klang, als würde er von einem Skript ablesen. „Er hat ausdrückliche Anweisungen gegeben, nicht gestört zu werden."
„Ich … ich hatte einen Unfall", flüsterte Analia. Der Schmerz in ihrem Kopf pochte jetzt, ein Trommelschlag im Takt mit ihrem rasenden Puls. „Ich bin auf der Autobahn. Mein Auto … da ist Blut."
Am anderen Ende der Leitung herrschte eine Pause. Ein gedämpftes Geräusch, wie eine Hand über dem Hörer. Dann kehrte Liams Stimme zurück, aber der Tonfall hatte sich geändert. Es war keine Besorgnis. Es war Verlegenheit.
„Mrs. Wilson, Mr. Wilson sagt …", zögerte Liam.
„Sagt was?", flehte sie. Tränen mischten sich mit dem Blut auf ihrer Wange.
„Er sagt, Sie sollen mit dem Theater aufhören", sagte Liam, seine Stimme eine Oktave tiefer. „Er sagte, und ich zitiere: ‚Legen Sie auf. Sagen Sie ihr, ich habe heute Abend keine Zeit für ihre emotionale Erpressung.‘"
Die Leitung war tot.
Analia nahm das Telefon nicht sofort vom Ohr. Sie hielt es an ihr Ohr und lauschte dem hohlen Tuten der toten Leitung. Es war lauter als der Regen. Lauter als die in der Ferne heulenden Sirenen.
Er dachte, sie würde lügen.
Er dachte, dass sie am Rande der I-95 verblutete, sei nur ein Trick, um Aufmerksamkeit zu erregen.
Das Telefon glitt aus ihren tauben Fingern und klapperte auf die Fußmatte. Sie lehnte den Kopf zurück und schloss die Augen. Die Dunkelheit war einladend.
Als die Sanitäter die Tür aufbrachen, schwebte Analia in einem Raum zwischen Bewusstsein und einem Albtraum. Sie spürte Hände an sich, effizient und unpersönlich. Sie schnallten sie auf eine Trage. Der Regen traf ihr Gesicht, kalt und schockierend, aber sie zitterte nicht. Sie fühlte nichts.
In der Notaufnahme waren die Leuchtstoffröhren ein Angriff. Ein Arzt mit müden Augen nähte die Wunde an ihrer Stirn. Sie hatte die örtliche Betäubung abgelehnt. Sie brauchte das Brennen. Sie musste wissen, dass sie noch in ihrem Körper war, denn ihre Seele fühlte sich an, als würde sie irgendwo nahe der Decke schweben und auf die Trümmer ihres Lebens herabblicken.
„Sie haben Glück, Mrs. Wilson", murmelte der Arzt und knüpfte einen Knoten. „Noch einen Zentimeter weiter und Sie hätten das Auge verloren. Wo ist Ihr Mann? Wir brauchen jemanden, der die Entlassungspapiere unterschreibt, wenn Sie heute Abend gehen wollen."
„Er ist … verreist", log Analia. Die Lüge schmeckte nach Asche.
Sie drehte den Kopf zur Seite. Ein an der Wand montierter Fernseher sendete Unterhaltungsnachrichten. Die Lautstärke war niedrig, aber das Banner am unteren Rand war leuchtend rot.
EILMELDUNG: CLIVE WILSON MIT ANGELENA STUART IM THE PLAZA GESEHEN.
Analias Atem stockte.
Die Aufnahme war körnig, durch den Regen gefilmt, aber unverkennbar. Clive, ihr Ehemann, geleitete eine zierliche Frau in eine wartende Limousine. Er hatte sein Sakko ausgezogen und es der Frau über die Schultern gelegt, um sie vor dem Sturm zu schützen.
Sein Gesicht war der Frau zugewandt. Sein Gesichtsausdruck war von einer panischen, unverstellten Sorge gezeichnet, die Analia in vier Jahren Ehe nicht mehr bei sich gesehen hatte.
Angelena Stuart. Die Jugendliebe. Die, die er hatte gehen lassen. Diejenige, die wegen eines angeblichen Schwangerschaftsskandals derzeit „labil" war.
Analia schaute auf die Uhrzeit auf dem Bildschirm. Die Aufnahme war live.
In genau dem Moment, in dem Analia blutend über ihrem Lenkrad hing und um Hilfe flehte, legte Clive einer anderen Frau sein Sakko um.
Etwas in Analias Brust machte ein Geräusch wie berstendes Glas. Es war kein lauter Bruch. Es war leise, endgültig und irreparabel.
Sie setzte sich auf. Der Raum drehte sich, aber sie zwang ihn, stillzustehen.
„Ich unterschreibe die Papiere selbst", sagte sie zu der Krankenschwester, die mit einem Klemmbrett hereinkam.
„Mrs. Wilson, Sie sollten wirklich nicht fahren", sagte die Krankenschwester und beäugte den Verband.
„Ich fahre nicht."
Analia zog ihr Handy aus der Handtasche. Der Bildschirm war zersplittert, aber es funktionierte noch. Sie scrollte an „Ehemann" vorbei. Sie scrollte an „Vater" vorbei.
Sie hielt bei „Zoe" an.
Sie drückte auf Anrufen.
„Analia?", Zoes Stimme war fröhlich, umgeben von den Umgebungsgeräuschen einer TV-Sitcom. „Hey, Süße. Alles in Ordnung?"
„Zoe", sagte Analia. Ihre Stimme war fest. Erschreckend fest. „Du musst mich vom Lenox Hill Hospital abholen. Ich habe das Auto zu Schrott gefahren."
„Was zum Teufel?", kreischte Zoe. Das Geräusch der Sitcom verstummte sofort. „Ich komme. Ich bin schon im Auto. Ist Clive da? Gib ihn mir, ich werde ihn anschreien."
„Nein", sagte Analia. Sie schaute auf den Fernsehbildschirm, wo die Limousine davonfuhr. „Er ist nicht hier. Und ich gehe nicht zurück ins Penthouse."
„Okay", sagte Zoe, ihre Stimme wurde sofort weicher. „Okay, Schatz. Ich komme. Zehn Minuten."
Analia verließ das Krankenhaus zwanzig Minuten später. Der Regen hatte nicht aufgehört. Er durchnässte ihre dünne Bluse und kühlte ihre Haut, aber die Kälte fühlte sich jetzt wie eine Rüstung an.
Ein paar Paparazzi lauerten in der Nähe des Eingangs und hofften auf eine Promi-Überdosis oder einen Skandal. Sie hoben nicht einmal ihre Kameras für sie. Für sie war sie ein Niemand. Nur Analia Graves, die stille, langweilige Ehefrau des Wilson-Erben. Das Mobiliar.
Zoes zerbeulter Ford Fiesta kam mit quietschenden Reifen am Bordstein zum Stehen. Er stand in krassem Gegensatz zu den eleganten schwarzen Limousinen, an die Analia gewöhnt war. Er war verrostet, laut und wunderschön.
Analia stieg ein. Das Auto roch nach alten Pommes frites und Vanille-Lufterfrischer. Es roch nach Zuhause.
Zoe stellte keine Fragen. Sie griff nur hinüber, nahm Analias eiskalte Hand und drückte sie fest. „Wir fahren zu mir. Ich habe Wein und Tiefkühlpizza."
Analia schaute aus dem Fenster, während die Stadt an ihr vorbeizog. Der Schmerz in ihrem Kopf war jetzt ein dumpfes Pochen, das sich leicht ignorieren ließ.
Ihr Handy summte in ihrem Schoß.
Eine SMS von Clive.
Hör mit dem Drama auf. Geh nach Hause. Ich kümmere mich morgen um dich.
Analia sah sich die Worte an. Gestern hätte sie einen ganzen Absatz als Entschuldigung getippt. Sie hätte es erklärt. Sie hätte gebettelt.
Heute drückte sie einfach den Aus-Knopf und ließ den Bildschirm schwarz werden.