„Ich muss Ethan wirklich danken. Er ist die ganze Nacht bei mir geblieben, weil er weiß, dass ich Angst vor der Dunkelheit habe. Er hat heute sogar alle seine Termine abgesagt, um mich zu einer Auktion zu begleiten, und mir das schönste Geschenk der Welt gekauft. Ich bin so glücklich!“
In diesem Moment verstand ich alles. Während ich schwer verletzt war und versuchte, unser Kind zu schützen, entschied er sich dafür, bei einer anderen Wölfin zu bleiben.
Wortlos versah ich den Beitrag mit einem Gefällt mir und schloss die Anwendung.
Wenn er seine erste Liebe zurückhaben wollte, dann sollte er sie bekommen.
In sieben Tagen würde ich für immer aus seinem Leben verschwinden. Mit unserem Kind.
...
Ich hielt die frisch ausgedruckte Zurückweisung fest in der Hand und schleppte meinen verletzten Körper nach Hause.
Ich stieß die schwere Eichentür auf. Das Wohnzimmer lag in Dunkelheit, nur der schwache Schein der Wandlampen durchbrach die Schatten.
Im schwachen Licht saß eine große Gestalt auf dem Sofa, deren Anwesenheit schwer und erdrückend war. Der Druck, der von ihm ausging, konnte nur von einem hochrangigen Alpha stammen.
Er war kein anderer als mein Gefährte, Ethan.
„Du erinnerst dich also noch daran, dass das hier dein Zuhause ist?“ Seine Stimme schnitt eisig durch die Stille.
Bevor ich antworten konnte, erhob er sich vom Sofa und durchquerte mit wenigen langen Schritten den Raum.
Seine Hand umklammerte mein Handgelenk brutal. Ein stechender Schmerz schoss durch meinen Arm, als wollte er mir die Knochen brechen.
„Lianne, was sollte dieses Gefällt mir unter Ivys Beitrag?“, fuhr er mich an und starrte mich voller Verachtung an. „Sie ist gerade erst zurückgekommen und ihr Zustand ist noch nicht stabil. Sie kann im Moment keinen Stress vertragen. Wolltest du sie daran erinnern, dass du meine Luna bist?“
Ich hob den Blick zu ihm, doch durch meine verschwommene Sicht konnte ich sein Gesicht kaum erkennen.
Vor drei Jahren war Ethan mit Silbergift vergiftet worden. Das Gift hatte seine Beine gelähmt.
Nachdem Ivy ihn verlassen hatte und ins Ausland geflohen war, stürzte er völlig ab. Tag für Tag betäubte er sich mit Alkohol.
Die Ältesten des Dornen-Rudels arrangierten unsere Verbindung.
In den letzten drei Jahren blieb ich als seine Gefährtin an seiner Seite und beruhigte die Wut und den Schmerz, die ihn von innen zerfraßen. Gleichzeitig gab ich ihm immer wieder mein Blut. Mit meiner Heilgabe half ich seinem Körper, sich zu erholen, bis er schließlich wieder aus eigener Kraft stehen konnte.
Doch jetzt war nicht einmal mehr eine Spur von Wärme in ihm zu finden. Sein Atem strich leicht über meinen Hals, während seine Stimme kalt blieb. „Ich habe dir schon einmal gesagt, du sollst dich nicht von deiner Eifersucht beherrschen lassen. Kannst du nicht ein einziges Mal vernünftig sein?“
Vernünftig.
Das Wort traf mein ohnehin schon gefühlloses Herz härter als ein Schlag ins Gesicht.
Er wusste nicht, dass ich kurz zuvor nach dem Unfall in einem Autowrack gefangen gewesen war.
Ich war in dem umgestürzten Wagen eingeklemmt. Blut lief mir über das Gesicht, und ich rief ihn wieder und wieder an. Ich hoffte, er würde kommen und mich und unser ungeborenes Kind retten.
Doch bevor ich irgendetwas erklären konnte, hatte er nur gesagt: „Ivy geht es gerade nicht gut. Ich kann sie nicht allein lassen. Was auch immer es ist, kümmere dich selbst darum.“
Dann hatte er aufgelegt.
Mit letzter Kraft zwängte ich mich aus dem zerquetschten Fahrersitz. Danach lief ich drei Meilen durch den strömenden Regen, bis endlich ein vorbeifahrendes Auto für mich anhielt.
„Es tut mir leid“, flüsterte ich und senkte den Blick, damit er die Traurigkeit in meinen Augen nicht sah. „Es wird nicht wieder vorkommen.“
Ethan schien von meiner schnellen Entschuldigung überrascht zu sein. Für einen Moment schwieg er. Der Zorn in seinen Augen ließ ein wenig nach, doch bald trat Misstrauen an seine Stelle.
Er ließ mein Handgelenk los und musterte mich langsam, von meinem zerzausten Haar bis zu meinem blassen Gesicht.
„Das Personal sagte, du warst den ganzen Tag weg und hast nicht auf dein Handy reagiert.“ Er runzelte die Stirn. „Und diese ständigen Anrufe ... hast du wegen Ivy einen Anfall bekommen?“
„Nein.“ Ich atmete langsam ein und unterdrückte den Aufruhr in meinem Inneren. „Es gab ein Problem mit den Lieferungen für das Rudel. Ich bin los, um mich darum zu kümmern. Wahrscheinlich habe ich mein Handy dabei verloren.“
Ich zog einen Stapel Dokumente hervor und reichte sie ihm. „Das sind die Finanzberichte für dieses Quartal. Außerdem sind ein paar Dokumente dabei, die deine Unterschrift brauchen. Das Verwaltungsbüro braucht sie bis morgen früh.“
Ethan nahm mir die Papiere ab und warf sie achtlos auf den Couchtisch, ohne sie auch nur zu prüfen.
Er vertraute mir vollkommen. In den letzten drei Jahren war ich in seinen Augen die perfekte Luna, die jede Verantwortung fehlerlos trug.
Ich kümmerte mich für ihn um die endlosen Angelegenheiten des Rudels. Immer wenn das Silbergift ihn in gewaltsame, unkontrollierbare Anfälle trieb, blieb ich an seiner Seite und nutzte unser Gefährtenband, um das Biest in ihm zu beruhigen.
Ethan setzte sich wieder, nahm einen Stift und unterschrieb die Dokumente eines nach dem anderen mit schnellen, geübten Strichen.
Er bemerkte nicht, dass die Zurückweisung unter dem Stapel von Dokumenten versteckt war.
Sobald er sie unterschrieb, würde die Zurückweisung in sieben Tagen wirksam werden.
Danach würde die Verbindung, die uns aneinander zwang, vollständig zerbrechen. Er wäre endlich frei. Und ich würde für immer aus seinem Leben verschwinden.
„Erledigt.“ Beim Zurückschieben der Papiere streiften seine Finger versehentlich leicht meinen Handrücken.
Ich zog meine Hand sofort zurück, als hätte seine Berührung mich verbrannt.
Ein Schatten huschte über Ethans Augen. Er starrte mich lange an, bevor er fragte: „Lianne, weichst du mir aus?“
Er erhob sich und kam näher, bis seine große Gestalt mich überragte und sein Schatten mich vollständig einhüllte.
Dann griff er nach mir. Seine Finger umfassten mein Kinn und hoben es an, sodass ich ihm unweigerlich direkt in die Augen sehen musste.
Etwas Wildes brannte in seinen Augen. Besitzdenken. Die instinktive Dominanz eines Alphas gegenüber seiner Gefährtin.
„Heute ist unser Hochzeitstag“, sagte er leise. Seine Hand glitt von meinem Kinn zu meiner Kehle, während sein rauer Daumen langsam über die empfindliche Haut strich. „Nach der Tradition des Rudels sollte ich heute Nacht bei dir bleiben.“
Seine Berührung brannte heiß auf meiner Haut, doch mein Herz blieb kalt und unbewegt.
In diesem Moment klingelte plötzlich sein Handy.
Auf dem leuchtenden Display erschien ein Name, den ich nur zu gut kannte. Ivy.
Ethans Körper spannte sich an.
Er ging sofort ran, und Ivys zitternde Stimme war zu hören: „Ethan, ich habe Angst. Der Donner ist heute Nacht so laut. Kannst du zu mir kommen?“
Ethan warf mir einen Blick zu. Kurz flackerte Zögern über sein Gesicht.
Ich zwang mir ein schwaches Lächeln auf die Lippen und sagte: „Du solltest gehen. Ivy ist gerade erst zurückgekommen und noch nicht vollständig erholt. Als Alpha des Rudels solltest du dich um deine Rudelmitglieder kümmern. Ich komme hier allein zurecht.“
Ethan starrte mich weiter an, als versuchte er, eine Spur von Groll unter meinen Worten zu finden. Aber da war nichts. Ich wirkte leer genug, um selbst ihn zu täuschen, wie eine Puppe ohne Innenleben.
„Du fängst endlich an zu verstehen, was es bedeutet, eine Luna zu sein“, sagte er nach einem Moment. Zufriedenheit schlich sich in seine Stimme, während er sein Handy wegsteckte. „ich weiß, das war nicht leicht für dich. Sobald Ivy sich eingelebt hat, werde ich es wiedergutmachen.“
Wiedergutmachen?
Was ich wollte, war niemals eine Entschädigung. Ich wollte nur das eine, was er mir nie wirklich gegeben hatte: sein ganzes Herz.
„Okay“, antwortete ich und nickte.
Ethan drehte sich um und ging zur Tür. Seine hastigen Schritte klangen, als könne er gar nicht schnell genug fort.
Er sah nicht zurück und bemerkte daher auch nicht, wie mir die Beine nachgaben, sobald die Tür hinter ihm zufiel. Ich rutschte langsam an der Wand hinunter, zu schwach, um auf den Beinen zu bleiben.
Ich senkte den Blick auf die Zurückweisung und fuhr mit meinen zitternden Fingern über seine Unterschrift.
Das würde das Letzte sein, was ich je für Ethan tat.
In sieben Tagen würde ich nicht länger seine Luna sein.
Ich würde unser ungeborenes Kind mitnehmen und für immer aus seinem Leben verschwinden.