DARPA: Priorität Rot.
Ihr Puls schnellte nicht in die Höhe. Er stabilisierte sich. Das hier war vertraut. Das hier war lösbar. Das Chaos einer gesellschaftlichen Gala war es nicht.
Sie tippte auf die Seite der Lünette. Kurz. Lang. Kurz.
Standby.
Die Kronleuchter über ihnen wurden gedimmt und tauchten den Raum in eine künstliche Dämmerung. Ein einzelner, aggressiver Scheinwerfer schnitt durch die Dunkelheit und traf die Mitte der Bühne. Das Feedback eines Mikrofons quietschte auf, was den halben Saal zusammenzucken ließ.
Bryce Calloway trat ins Licht.
Er sah perfekt aus. Sein Smoking saß wie eine zweite Haut, teuer und maßgeschneidert. An seinem Arm hing, in schimmernde silberne Seide gehüllt, Chloe Sterling. Novas Schwester. Oder besser gesagt, die Tochter der Leute, die Novas Existenz in den letzten zwölf Jahren toleriert hatten.
Chloe blickte nach unten und heuchelte eine Schüchternheit, von der Nova wusste, dass sie sie noch nie in ihrem Leben gefühlt hatte.
„Danke Ihnen allen, dass Sie gekommen sind", dröhnte Bryces Stimme, geschmeidig und geübt. „Heute Abend geht es um Wohltätigkeit, ja. Aber es geht auch um Ehrlichkeit."
Der Raum verstummte. Das Klirren des Silberbestecks hörte auf.
Bryce holte Luft. Er sah ernst aus. Er sah aus wie ein Mann, der im Begriff war, mit größter Tapferkeit schlechte Nachrichten zu überbringen.
„Schweren Herzens", sagte er, „muss ich das Ende meiner Verlobung mit Nova Sterling bekannt geben."
Ein hörbares Luftholen ging wie eine Welle durch den Raum. Hinter manikürten Händen wurde geflüstert.
„Liebe kann nicht erzwungen werden", fuhr Bryce fort und wandte seinen Blick Chloe zu. „Und manchmal findet das Herz seinen wahren Norden an den unerwartetsten Orten. Ich bin stolz, bekannt zu geben, dass Chloe und ich zusammen sind."
Da blickte Chloe auf, ihre Augen glänzten von geübten Tränen. Sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Es war ein Tableau des romantischen Sieges.
Dann schweifte Bryces Blick durch den Raum und fand sie absichtlich in den Schatten. Er deutete vage in ihre Richtung.
Die Menge folgte seiner Blickrichtung. Ihre Köpfe drehten sich wie auf Kommando, hundert Augenpaare jagten sie, bis sie von ihrem kollektiven Starren festgenagelt war.
Sie hob eine Hand, als wollte sie ihre Augen abschirmen, die plötzliche Aufmerksamkeit war so stechend wie jedes physische Licht.
Die Gäste um sie herum wichen zurück. Sie bewegten sich, als wäre sie ansteckend, und ließen sie isoliert in einem Kreis aus leerem Parkettboden zurück. Die Stille war schwer, dick von Verurteilung und Mitleid.
„Nova", sagte Bryce von der Bühne herab. Seine Stimme war herablassend und triefte vor falschem Mitgefühl. „Ich hoffe, du kannst das verstehen. Wir wollten dich nicht verletzen, aber wir konnten keine Lüge leben."
Nova senkte ihre Hand. Sie blinzelte, während sich ihre Augen an das grelle Licht von hundert verurteilenden Blicken gewöhnten.
Ihr Armband vibrierte erneut. Stärker dieses Mal. Ein kontinuierliches, dringendes Summen, das ihren Unterarm hinaufwanderte.
Code Schwarz: Extraktionsteam unterwegs. T-Minus 3 Minuten.
Sie starrte auf die Bühne. Sie sah, wie sich Bryces Mund bewegte, aber die Worte waren nur Lärm. Sie sah Chloes triumphierendes Grinsen, das sich hinter einem Taschentuch verbarg.
Nova fühlte nichts. Keinen Herzschmerz. Keinen Zorn. Nur die kalte, mathematische Berechnung von Entfernung und Zeit.
Ihr Blick war leer. Für den Rest des Raumes sah sie am Boden zerstört aus. Wie unter Schock.
„Schwester", sagte Chloe ins Mikrofon, ihre Stimme zitterte. „Es tut mir so leid. Wir haben uns einfach verliebt."
Endlich sprach Nova. Ihre Stimme war nicht laut, aber in der Totenstille des Raumes trug sie weit.
„Seid ihr fertig?"
Bryce runzelte die Stirn. Das Drehbuch geriet aus den Fugen. Sie sollte weinen. Sie sollte weglaufen.
„Nova", warnte er.
„Gut", sagte sie. Sie blickte auf die digitale Anzeige an ihrem Handgelenk. Zwei Minuten. „Der Ring ist bei der Garderobe. Holt ihn euch selbst ab."
Sie machte auf dem Absatz kehrt.
„Nova!", schrie Bryce, sein Ego durch ihre fehlende Szene gekränkt. „Lauf nicht vor mir weg!"
Sie verlangsamte ihren Schritt nicht. Sie bewegte sich mit einer Präzision, die nicht zu dem tollpatschigen, unerwünschten Mädchen passte, das sie zu kennen glaubten. Sie stieß die schweren Seitentüren auf und ließ das Licht und den Lärm hinter sich.
In dem Moment, als die Tür ins Schloss klickte, wurde der schwere Bass der Musik zu einem dumpfen Pochen gedämpft.
Nova drückte einen Finger an ihr Ohr und aktivierte die als Perlenohrring getarnte Kommunikationseinheit.
„Zielperson ist frei", sagte sie, ihre Stimme eine Oktave tiefer, jedes Zögern abgestreift. „Extraktion einleiten."