Sie stand auf und ging zum deckenhohen Spiegel. Sie strich mit den Händen die Seiten ihres seidenen Nachthemdes glatt und zupfte den Saum zurecht, um sicherzustellen, dass er perfekt fiel.
Die schweren Flügeltüren des Schlafzimmers wurden aufgestoßen.
Axel trat ein und brachte einen Schwall kalter kalifornischer Nachtluft mit sich.
Ayla ließ ein sanftes, geübtes Lächeln über ihre Lippen huschen. Sie ging auf ihn zu und streckte automatisch die Hände aus, um ihm sein Haute-Couture-Sakko abzunehmen, als er es von seinen Schultern gleiten ließ.
Als der schwere Stoff in ihren Händen landete, stieg ihr ein Duft in die Nase.
Er war schwach, aber unverkennbar. Eine schwere Mischung aus Sandelholz und zerdrückten Rosen.
Aylas Finger versteiften sich am Wollrevers. Ihre Bewegungen erstarrten vollständig.
Sie benutzte ausschließlich unparfümierte, medizinische Hautpflegeprodukte. Sie trug nie Parfüm.
Axel bemerkte ihr Zögern nicht. Er beugte sich vor und drückte ihr einen trockenen, beiläufigen Kuss auf die Stirn.
Er zog sich zurück und hob bereits eine Hand, um sich den Nasenrücken zu reiben.
„Das nicht-öffentliche Treffen mit Sequoia Capital war ein Albtraum", murmelte Axel, seine Stimme schwer vor Erschöpfung. „Die wissen einfach nicht, wann sie aufhören sollen zu reden."
Ayla schluckte den harten Kloß hinunter, der sich in ihrem Hals bildete. Sie zwang ihre Lungen, einen Atemzug zu nehmen.
Sie wandte sich von ihm ab und ging in den klimatisierten, begehbaren Kleiderschrank, wo sie das Sakko sorgfältig auf einen Zedernholzbügel hängte.
Als sie zurück ins Schlafzimmer kam, stand Axel am Bettrand.
Mit einem frustrierten Seufzer riss er seine Seidenkrawatte locker und warf sie achtlos auf den Perserteppich.
Er drehte ihr den Rücken zu und begann, sein blütenweißes Hemd aufzuknöpfen, um sich für das Hauptbadezimmer fertig zu machen.
Das Hemd glitt von seinen breiten Schultern, fiel zu Boden und entblößte die angespannten Muskeln seines Rückens.
Ayla trat aus dem Schrank, und ihr Blick fiel wie von selbst auf sein linkes Schulterblatt.
Ihre Pupillen zogen sich so schnell zusammen, dass es körperlich schmerzte.
Die Luft im Raum schien zu verschwinden. Ihre Lungen setzten aus.
Dort, deutlich auf seinem linken Schulterblatt abgedrückt, waren drei dunkelrote, erhabene Kratzer.
Die Haut um sie herum war entzündet, die Ränder leicht aufgeplatzt und blutend.
Der Abstand zwischen den Striemen entsprach genau der Breite von Frauenfingernägeln. Der abwärts gerichtete Winkel und die schiere Wucht der Schnitte machten eine versehentliche Schramme von einem Fitnessgerät unmöglich.
Axel drehte leicht den Kopf. Er ertappte sie dabei, wie sie wie erstarrt auf seinen Rücken starrte.
Für den Bruchteil einer Sekunde blitzte rohe Panik in seinen tiefbraunen Augen auf.
Er reagierte sofort, griff nach einem dicken weißen Handtuch von der Bank und wickelte es sich fest um den Oberkörper, um die Spuren zu verbergen.
„Ich habe mich in der Sauna im Club an einem losen Nagel gekratzt", sagte Axel. Seine Stimme war vollkommen fest, absolut natürlich.
Ayla sah in sein Gesicht. Dies war das Gesicht, das auf dem Cover des Time-Magazins gewesen war, gepriesen für die treuesten, ehrlichsten Augen im Silicon Valley.
Ihr Magen drehte sich heftig um. Säure stieg ihr in die Kehle.
Sie schrie nicht. Sie warf nichts.
Stattdessen zwang sie die Muskeln in ihrem Gesicht, sich zu einem steifen, unnatürlichen Lächeln zu verziehen.
„Du solltest vorsichtiger sein", sagte Ayla mit einer Stimme, die klang, als gehöre sie jemand anderem. „Geh duschen."
Axel nickte, drehte sich um und ging ins Badezimmer.
Die schwere Tür klickte ins Schloss. Das Geräusch des aufgedrehten Regenduschkopfes hallte durch die Wand.
In der Sekunde, in der das Wasser auf die Fliesen prasselte, gaben Aylas Knie nach.
Sie brach am Rand der Matratze zusammen, ihre Hände krallten sich so fest in die Laken, dass ihre Knöchel weiß hervortraten.
Ihr Blick schoss zum Nachttisch.
Axels privates Handy lag mit dem Display nach unten auf der Marmoroberfläche.
Ihre Hand zitterte heftig, als sie danach griff und es aufhob. Das Metall fühlte sich an wie Eis auf ihrer Handfläche.
Sie wischte auf dem Bildschirm nach oben und gab den vierstelligen Passcode ein. Ihr Hochzeitstag.
Der Bildschirm wackelte hin und her. Passcode falsch.
Aylas Herz sank ihr in den Magen und löste eine Welle körperlicher Übelkeit in ihr aus.
Er hatte den Passcode geändert. Einen Passcode, der drei Jahre lang derselbe gewesen war. Er hatte ihn erst vor einer Woche geändert.
Das Rauschen des Wassers aus dem Badezimmer überdeckte das Geräusch von Aylas schwerem, unregelmäßigem Atmen.
Die perfekte Illusion ihrer Ehe zerbarst in ihrem Kopf in eine Million scharfkantige Stücke.
Sie dachte an die unzähligen Nächte, in denen sie bis 3 Uhr morgens wach geblieben war und makellose PR-Mitteilungen verfasst hatte, um sein Image als den ultimativen Familienmenschen aufzubauen.
Eine heiße, blendende Wut brach plötzlich in ihrer Brust aus und verbrannte augenblicklich die Trauer.
Sie wurde zum Narren gehalten.
Ayla legte das Handy zurück auf den Marmornachttisch und achtete darauf, dass es sich in genau derselben Position befand wie zuvor.
Sie stand auf, ihre Beine zitterten nicht mehr.
Sie ging zu ihrem Mahagoni-Schreibtisch und öffnete die unterste Schublade.
Sie zog eine leere weiße Haftnotiz und einen Stift heraus.
Mit ruhigen Fingern schrieb sie die Telefonnummer eines erstklassigen Scheidungsanwalts auf, die sie sich vor Jahren eingeprägt hatte.