Und trotzdem verlangte ihr leiblicher Bruder von ihr, vor diesem fremden Mädchen in den Staub zu sinken.
„Du hast Willa absichtlich die Treppe hinuntergestoßen! Wie kann man nur so niederträchtig sein? Du ekelst mich an! Jemand wie du ist keine Schwester von mir!“, herrschte Gerard sie an.
Sie ekelte ihn an?
Ein feines Zittern lief durch Noelles Wimpern, während sie gegen den eisernen Griff kämpfte, der sich um ihre Brust legte. „Ich habe doch gar nicht—“
Weiter kam sie nicht. Gerard riss ein Glas vom Tisch und schleuderte es ihr entgegen. „Untersteh dich, mir zu widersprechen!“
Das Glas krachte gegen ihren Fuß und zerbarst auf dem Boden in tausend Scherben.
Sofort lief Noelles zarter Fuß rot an und schwoll an.
Hauchdünne Splitter ritzten ihre glatte Haut auf, und frisches Blut quoll in leuchtenden Perlen hervor.
Doch Noelle verzog keine Miene. Sie stand einfach da, als spürte sie nichts.
Es war ja nicht das erste Mal, dass Gerard sie so anfuhr – oder verletzte.
„Gerard, bitte … Sei doch nicht so streng mit Noelle“, eilte Willa ihm mit samtweicher Stimme zu Hilfe. „Sie hat mich bestimmt nicht mit Absicht gestoßen. Es war nicht ihre Schuld. Nur ein Versehen. Ehrlich, ich bin selbst schuld.“
Bei diesen Worten zerschmolz Gerards Herz wie Butter in der Sonne. „Warum nimmst du sie denn immer noch in Schutz, Willa? Hast du mal darüber nachgedacht, was gewesen wäre, wenn eine Narbe zurückgeblieben wäre? Du bist ein Mädchen. Das ist keine Lappalie!“
„Aber Gerard …“
„Schluss jetzt. Hör auf, sie zu verteidigen. Komm her – lass mich nachsehen, ob du verletzt bist.“
„Mir fehlt nichts, Gerard. Wirklich nicht …“
Noelle beobachtete ihr inniges Schauspiel, und eine bleierne Müdigkeit senkte sich über sie.
Gerard zermarterte sich den Kopf bei dem Gedanken, Willas makelloses Gesicht könnte entstellt werden. Doch eben noch hatte er ihr ohne zu zögern ein Glas an den Kopf geworfen und dabei ihr Bein verletzt. Glaubte er etwa, ihre Haut könne keine Narben davontragen? Zählte es etwa nicht, dass auch sie, seine Schwester aus Fleisch und Blut, sich um ihr Aussehen sorgte?
Noelle hatte früh gelernt, auf eigenen Beinen zu stehen, und im Waisenhaus aufgewachsen, ohne einen Menschen auf der Welt, an den sie sich hätte lehnen können. Bis das ältere Ehepaar Jeffrey und Babette Hobbes sie bei sich aufnahm und ihr ein Zuhause voller Wärme und Geborgenheit schenkte. In ihrer Obhut hatte sie nie Härte erfahren, nie das Gefühl gehabt, jemandem zur Last zu fallen.
Nachdem Gerard sich um Willa gekümmert hatte, drehte er sich um und sah das schwache, spöttische Lächeln auf Noelles schönem Gesicht. Er wurde fast wahnsinnig vor Ärger. „Was gibt es da zu grinsen? Noelle, als wir dich vor zwei Jahren zurückgeholt haben, haben wir dir unmissverständlich klargemacht, dass Willa in diesem Haus aufgewachsen ist. Blutsverwandt oder nicht, du hast sie wie eine Schwester zu behandeln. Als Ältere ist es deine Pflicht, sie zu beschützen, sie zu verwöhnen! Und was hast du stattdessen getan, seit du hier bist?“
Noelle lächelte bitter. Ihre weichen, rosenroten Lippen bebten kaum merklich.
Als die Familie Moss vor zwei Jahren vor ihrer Tür stand und sie als die ihre beanspruchte, glaubte sie, endlich angekommen zu sein. Jeffrey und Babette waren längst gegangen, und mutterseelenallein klammerte sie sich an den Gedanken, mit ihrer wahren Familie vereint zu sein. Sie hatte sogar Levi Martin abgewiesen, einen alten Freund Jeffreys, der ihr großzügig sein Heim angeboten hatte – nur, um bei den Mosses leben zu können.
Zwei endlose Jahre hatte sie alles darangesetzt, dazuzugehören. Sie hatte mehr ertragen, als irgendjemand ertragen sollte, und immer wieder nachgegeben.
Stets überließ sie Willa das Beste. Begnügte sich mit dem, was Willa verschmähte. Lebte als blasser Schatten in Willas Kielwasser, ohne je etwas für sich selbst zu fordern.
Im tiefsten Herzen hatte sie geglaubt, dass Geduld und Güte irgendwann belohnt würden. Dass ihre Eltern und ihre fünf Brüder sie eines Tages als eine der Ihren annehmen würden.
Doch alles, was sie dafür erntete, war überschwängliches Lob für Willa und ein stetig wachsender Schuldenberg. An allem war nur sie schuld. Immer.
Bis sie eines Tages etwas aufschnappte, das ihr den Boden unter den Füßen wegriss. „Wenn Noelle doch nur draußen verreckt wäre, dann hätten wir diesen Klotz endlich nicht mehr am Bein.“
Wäre Noelle doch dort draußen verreckt?
Diese Worte legten sich wie eine eiserne Faust um ihr Herz und drückten zu. Sie bekam keine Luft mehr. Konnte sich nicht rühren.
Warum? Warum hassten sie sie derart? Was hatte sie verbrochen, dass ihre eigene Familie sie mit solcher Kälte strafte? Was machte sie so unerträglich, dass sie ihr den Tod wünschten, noch bevor sie je heimgekehrt war? Wenn sie wirklich so empfanden, warum hatten sie sie dann überhaupt zurückgeholt?
Sie schloss die Augen. Ihr Herz fühlte sich an wie ein ausgetrockneter Brunnen. Kein Tropfen Gefühl mehr darin.
Das war's. Endgültig. Sie wollte diese Familie nicht mehr. Wollte nicht länger Menschen nachlaufen, für die sie nichts als ein Fehler war.
Als Gerard wieder zu ihr hochsah, war Noelles Gesicht wie ausgewechselt. Kein Schmerz. Keine Trauer. Nur Stille. Eine unheimliche Stille, die ihm einen Schauer über den Rücken jagte. Als hätte sie soeben etwas in sich begraben.
Er holte mit der flachen Hand aus und knurrte: „Wenn du dich immer noch weigerst, vor Willa auf die Knie zu fallen, dann zeige ich dir eben, wie es geht!“
Doch bevor seine Hand niedersausen konnte, schnellte eine andere hoch und umklammerte sein Handgelenk wie ein Schraubstock.
Es war Noelle.
Sie hatte ihn gestoppt.
„Du—“ Gerard starrte sie fassungslos an. Zwei Jahre lang hatte Noelle sich nie gewehrt. Hatte jede Strafe widerspruchslos hingenommen. Aber jetzt … jetzt wagte sie es, sich ihm entgegenzustellen?
Als sie den Schock auf Gerards Gesicht bemerkte, stieß Noelle ein leises, sarkastisches Lachen aus, und ihr atemberaubendes Gesicht strahlte vor neu gewonnener Kühnheit. „Ich sagte, ich habe Willa nicht gestoßen.“
Gerard schnappte nach Luft. „Du lügst mir immer noch ins Gesicht? Du hast vielleicht Nerven!“
„Gerard“, sagte Noelle, ihre Augen wurden kalt, leer von jeglicher Emotion. „Wenn ich beweisen kann, dass ich sie nicht gestoßen habe, werdet ihr beide, du und Willa, euch vor mir niederknien und euch bei mir entschuldigen.“
„Was hast du da gerade gesagt?“ Einen Herzschlag lang glaubte er, sich verhört zu haben. Dann explodierte sein Zorn. „Ich soll vor dir knien? Du eingebildete kleine Kröte!“
Niemals würde er jemanden so Erbärmliches als seine Schwester anerkennen.
Auf dem Sofa hatte Willa das Spektakel in vollen Zügen genossen. Hatte nur darauf gewartet, dass Gerard Noelle in ihre Schranken wies. Doch als sie Noelles Worte hörte, huschte ein Funken Zweifel durch ihre Augen.
Beweis? Was für einen Beweis sollte sie haben?
Rasch verbarg Willa ihren Hohn hinter einer sanften Maske und erhob sich. „Gerard, bitte – beruhige dich. Lass gut sein. Es lohnt sich doch nicht—“
Hör endlich auf, sie in Schutz zu nehmen!“, donnerte Gerard. „Ich will diesen ominösen Beweis sehen, den sie angeblich hat!"
Noelle verzog keine Miene. Schweigend glitt ihre Hand in die Tasche und holte ein kleines, schmales Gerät hervor.
Willa wurde kreidebleich. Ihr Blick blieb daran haften, und alle Farbe wich aus ihrem Gesicht. Ein Aufnahmegerät. Wie hatte Noelle das nur geschafft? Woher hatte sie ein Aufnahmegerät?
Noelle verlor kein Wort. Sie drückte auf Play.
Ein kurzes Rauschen, dann erfüllte eine süßliche, sorgfältig modulierte Stimme den Raum. „Noelle, wie findest du diesen Platz hier?“
Gerard erkannte sie sofort – Willas Stimme.
Dann eine andere. Ruhig, klar. „Willa, was tust du ganz oben an der Treppe?“
Gerard wusste, dass es Noelles Stimme war.
Im nächsten Augenblick erklang Willas Stimme erneut, doch dieses Mal klang jedes Wort giftig. „Noelle, wenn ich Gerard erzähle, dass du mich die Treppe hinuntergestoßen hast ... wie wird er dich wohl bestrafen?“